Rezension: Olivia Wenzel – 1000 Serpentinen Angst

WO IST KIM JETZT?
In Berlin.
UND WARUM FÜHLST DU DICH HIER SO WOHL UND NICHT BEI IHR?
In New York gehe ich die Fifth Avenue entlang und esse unbefangen eine Banane.
AUSGEZEICHNET!
DAS DREIFACHE PROBLEM MIT DER BANANE.
Let me explain.
1. Öffentlich eine Banane essen als schwarze Person: Rassistische Affenanalogien, uga uga uga. Aua.
2. Öffentlich eine Banane essen als Ossi – die Banane als Sinnbild für die Unterlegenheit des beigen Ostens gegenüber dem goldenen Westen. Die Banane als Brücke in den Wohlstand, exotische Südfrüchte als Symbol wirtschaftlicher Übermacht. Boah und die blöden Ossis standen da nach’m Mauerfall stundenlang für an, ey.
3. Eine Banane essen als Frau – Blowjob, dies das. Die Banane als Penisanalogie und Werkzeug des Sexismus. Unsichere, pubertierende Teenager traumatisieren andere unsichere, pubertierende Teenager. Mach doch mal Deepthroat, hähähä. Hähähä.
In New York gehe ich die Fifth Avenue entlang und esse unbefangen eine Banane.

Eine junge Frau geht durch New York und fühlt sich plötzlich zugehörig. Denn inmitten anderer, vieler Schwarzer wird sie endlich unsichtbar.

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In „1000 serpentinen angst“ schreibt Olivia Wenzel autofiktional über gegenwärtigen Rassismus, Angst, Liebe, Freundschaft und Familie. Alles uns bekannte, „normale“ Begriffe. Plattitüden, die in jedem dritten Klappentext zu lesen sind. Doch hier ist es 1000 mal besser.

Ich glaube, ich warte darauf, dass meine Großmutter versteht, wie es ist, ich zu sein in der Stadt, in der sie lebt. Was es mich kostet, diesen Ort auszuhalten.

Die namenlose Erzählerin weiß, dass sie privilegiert ist. Trotzdem weiß sie auch, dass es ihr als schwarze, junge Frau, als Tochter einer Ex-Punkerin aus der DDR und ohne Vater im hier und jetzt scheiße geht. Sie erzählt von der eigenen Angst, vom Unverständnis anderer und sie öffnet den Blick in ein kaputtes Herz, nachdem sich der eigene Zwillingsbruder vor einen Zug geworfen hat. Sie geht mit sich selbst in ein Zwiegespräch, das mir vorkam wie ein rasantes Verhör, bei dem am Ende keiner mehr weiß, wer gut oder böse ist. Sie reist nach New York und Vietnam, um ein Zuhause zu spüren und Liebe zu finden. Sie ist verliebt in Kim, die aber eine neue Freundin hat. Sie besucht ihre Mutter, zu der sie eigentlich am liebsten keine Beziehung hätte – oder lieber eine bessere?

Ein Archiv in sich zu tragen, das alle Berührungen der Haut gespeichert hätte und das jederzeit abrufbar wäre. Das man hervorholen könnte, wenn man zusammen auf dem Sofa sitzt, bei Tee und Keksen, um sich gemeinsam am Vergangenen zu erfreuen.

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

Lange habe ich nichts gelesen, das so war wie „1000 serpentinen angst“. So vielschichtig, so real, so bedrückend und trotzdem so, so humorvoll. Weil Olivia Wenzel eine eigene Stimme hat, mit der sie schreibt. Klug, ehrlich und poetisch. Sie thematisiert Herkunft und Verlust, Einsamkeit und Liebe. Vom Blick in die Kindheit oder die Jugend der Mutter über kurze Auszüge aus der Gegenwart bis zu fiktiven Gesprächen mit dem verstorbenen Bruder. Dieses Buch hat so viel Gutes und jeder sollte es lesen.

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Olivia Wenzel – 1000 serpentinen angst
S. FISCHER,
gebunden, 352 Seiten
Hier geht’s zum Buch

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