Rezension: Anders Haahr Rasmussen – Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen

Achtung, Spoiler: Ich liebe dieses Buch. So viel sei mal vorangestellt.
Aber eins nach dem anderen.

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Amanda lebt in New York, ist Soziologin und schreibt, irgendwie, an ihrer Doktorarbeit. Doch vor allem kocht Amanda. Und das am liebsten allein in ihrer Küche, während sie dabei über sich, ihre Freunde und das Leben nachdenkt – oder vielmehr mit sich und ihrem Publikum spricht.

Es ist Zeit für die Hauptzutat. Nachdem sie die Butternut-Kürbisse in der Spüle gewaschen hat, schneidet Amanda die Enden ab und fängt an sie zu schälen. Beide haben die Größe eines, wie Amanda es beschreibt, guten, soliden Wadenmuskels. Doch sobald sie es ausgesprochen hat, ist sie sich unsicher, ob ihre Verwendung von „gut“ nicht implizieren könnte, dass es eine Idealgröße für Wadenmuskel gäbe. Sie starrt ein paar Sekunden leer in die Luft.
„Das vergessen wir einfach“, sagt sie und schält weiter.

Denn die Erzählweise in „Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen“ ist eine ganz besondere. Wie ein Kommentator fungiert die Erzählstimme, die gelegentlich von Amanda ergänzt, unterbrochen oder von Gesten untermalt wird. Es ist also, als stünde man mit Amanda in der Küche, während sie mit einfachsten Mitteln aber voller Hingabe mit Lebensmitteln umgeht und Gerichte zubereitet, deren Rezepte jedes Kapitel des Romans eröffnen. Wir sind dabei, wenn sie über political corectness sinniert, über ihre Freundin herzieht, unmoralische Handlungen anprangert oder über ihr eigenes Liebesleben flucht. Was Amanda vom Leben will, weiß sie selbst nicht so genau. Sie will promovieren, gleichzeitig am liebsten zurück in die Heimat ziehen, ein ländliches Leben führen, Gemüse anbauen. In allem, was Amanda tut und denkt ist sie dabei normal, nachvollziehbar, irgendwie doch ganz schön over the top und nicht immer sympathisch – eben ganz genau wie wir Menschen eben sind.

Sie legt das Buch beiseite, um wieder in der Suppe zu rühren, aber schmeißt in der Bewegung einen Kaktus um. Er bricht in der Mitte durch.
„Ich habe gerade eine Pflanze getötet“, sagt Amanda. Sie starrt den Kaktus an.
„Endlich kann ich die Scheiße wegschmeißen.“
Macht sie aber nicht. Sie sammelt den Kaktus auf, legt den abgebrochenen Teil in ein leeres Marmeladeglas und füllt es mit Wasser.

Amanda ist ein guter Mensch, zumindest sieht sie sich so. Sie ist recht sparsam, hasst Essensabfälle und steht zu ihrer Meinung. Sie ist tough. Doch in all ihrer Routine, dem täglichen Kochen, dem Vorplanen, dem Einpacken und Verstauen, dem Wegfrieren und Auftauen, in den langen Joggingtouren und dem zeitweise Wegschieben ihrer Doktorarbeit versteckt sich Sehnsucht. Denn Amanda weiß, sie sehnt sich insgeheim nach etwas anderem – und seien es nur teure Küchengeräte und ab und an besondere Lebensmittel.

Amanda durchsucht das Gewürzregal.
„Was könnten wir sonst noch rein tun?“
„Muskatnuss?“ Eine Prise.
„Uh, Nelken! Das könnte gut werden. Ich bin immer auf der Suche nach einer Gelegenheit, Nelken zu verwenden.“ Sie gibt einen Teelöffel hinzu. Rührt um. Stoppt.
„Das war wirklich dumm.“
„Jetzt muss ich jede einzelne Nelke mit den Fingern herauspicken, bevor ich es mixe.“
„Geht schon.“

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

Ich hatte wunderbar viel Spaß mit dem Debütroman von Anders Haahr Rasmussen. „Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen“ macht hungrig, verliebt, heiter und nachdenklich – aber auf die gute Weise. Amanda ist eine Romanfigur, die sich ganz schnell im Kopf festkrallt und mit jeder Seite und jedem neuen Satz, den sie sagt, ein klares Bild hinterlässt. Beim Lesen lacht man über sie, ihren Humor, ihre Eigenartigkeit und Perfektion, nickt zustimmend oder schüttelt manchmal auch den Kopf. Eine ganz große Empfehlung von mir. Und ich hätte übrigens große Lust auf einen Teil 2 – ginge da was, lieber nord verlag?

Es ist Freitagabend, gleich 18:00 Uhr, und Amanda braucht einen Drink.
„Ich brauche einen Drink!“, sagt Amanda.

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Anders Haahr Rasmussen – Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen
aus dem Dänischen von Lars Bliesener
nord verlag,
Hardcover, 177 Seiten
Hier geht’s zum Buch

2 Kommentare zu „Rezension: Anders Haahr Rasmussen – Eigentlich wollte ich keine Kohlrüben kaufen

  1. Liebe Anne,
    Großartige Rezension. Schon deine Worte bei Instagram haben mich neugierig gemacht, da musste ich natürlich gleich deine Rezension lesen. Und jetzt ist es um mich geschehen: ich möchte jetzt unbedingt dieses Buch lesen. Muss ich mich wohl mal an die Buchhändlerin meines Vertrauens wenden. 🙂
    Danke für den Buchtipp. Oh, und richtig cool finde ich, dass du auch Passagen aus dem Buch integriert hast. Die haben mir einen kleinen Eindruck vermittelt, der mir noch zusätzlich Lust auf den Text gemacht hat.
    Liebe Grüße und bleib gesund.
    Julia (von Leselust Bücherblog)

    Gefällt 2 Personen

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