Rezension: Juan S. Guse – Miami Punk

„Miami Punk“ ist eine Wuchtbrumme. Und das nicht nur dank der 640 Seiten und dem handschmeichelnden Hardcover. „Miami Punk“ ist ein postmoderner, vielschichtiger Roman über eine von Verlust gezeichnete Gesellschaft, in der sich fein gezeichnete Charaktere versuchen, ihren eigenen Weg zu bahnen.

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Der Roman spielt, ihr ahnt es, in Miami. Doch in einem Miami ohne Meer. Wie über Nacht hat sich der Atlantik aus dem Hafen zurückgezogen, was bleibt ist eine karge Dürre. Eine nicht übersehbare Lücke, die von da an auch das ein oder andere Loch in die Bewohner von Miami reißt.

„Das Meer hat sich also zusammengezogen wie ein altes, abgerissenes Stück Haut und liegt nun schätzungsweise fünfhundert Kilometer entfernt, wo es unbehelligt im Nichts vor sich herrauscht.“

Juan S. Guse gibt uns nicht nur einen Erzähler an die Hand, sondern lässt uns gleich mehrfach in diverse Köpfe unterschiedlicher ProtagonistInnen blicken. And oh, what a ride. Mit dabei eine Indie-Game-Programmiererin, die mit Hausrobotern aufgewachsen ist und inmitten ihrer Welt ganze eigene entwickelt. Ihre Freundin, die in der Behörde 55 arbeitet und auf mehreren Ebenen versucht zu verstehen, was es mit dem Meeresrückgang auf sich hat. Ein E-Sport-Team aus Wuppertal, das in Miami sein wohl letztes CS Turnier spielen wird. Daneben radikale Pilger und ein mysteriöses Kongresszentrum, in dem neue Hoffnungen und Utopien keimen sollen. Und und und. Wir springen hin- und her zwischen Schicksalen, Wünschen und absurden Szenerien. Waren wir eben noch in einem Interview mit einem ehemaligen Miami Beach Model, begleiten wir jetzt die Pizza Lieferanten der Stadt, wie sie waghalsig durch die Röhre geschossen werden. Nix kapiert? Dann willkommen bei Miami Punk.

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In diesem Buch ist so, so viel drin. Die Lektüre ist die reinste Abenteuerfahrt, nie weißt du, was dich auf der nächsten Seite erwartet. Und das ist das Besondere und Schöne und auch etwas anstrengende daran. Wir haben Dialoge, wir haben einseitig beantwortete Interviews, bei denen wir uns die Fragen im Kopf stellen müssen. Da sind tragische Geschichten, verpackt in einen einzigen, mehrseitigen Link. Da sind detailgenaue Protokolle eines Counter Strike Turniers, bei denen ich leider herzlich wenig verstand. Am Anfang war es noch neu, spannend. Ok, dachte ich, alles klar. Da fuchs ich mich rein! Hat nicht so gut geklappt. Aber das war am Ende auch nicht weiter wild. Denn was bei „Miami Punk“ hängen bleiben muss, bleibt hängen. Und zwar so, dass du das auch nicht mehr so schnell abschütteln kannst.

Wirklich beeindruckt hat mich die Vielseitigkeit und Präzision der Sprache, die uns Juan S. Guse hier vor den Latz knallt. Es ist skurril, komisch, melancholisch, trist und trotzdem lebendig. Es ist fein beobachtet und extrem frech angerichtet. Eine ganze Platte voller Leckereien, die zusammen eine besondere Komposition ergeben. Und wo wir schon bei Futter-Metaphern sind, möchte ich an dieser Stelle Stefan von Poesierausch zitieren:

„Wie es sich für einen postmodernen Roman gehört, füßeln alle Erzählstränge und Fragmente unter dem Tisch, was das Zeug hält, während sich über der knallbunten Tischdecke alle möglichst unbeteiligt anschauen. Immer wieder tuschieren sich nur die Hände beim Griff nach dem Brot oder beim Klappern mit dem Besteck.“

Für mich eine entzückende Beschreibung der Figurenkonstellation und Plot-Konstruktion von „Miami Punk“.

FUX-FAZIT:

„Miami Punk“ ist sicher ein Buch, das mehr als einmal gelesen werden muss. Eines, über das geredet werden muss, weil es dich sonst völlig allein mit all deinen offenen Fragen und Gedanken lässt. Es ist ein Buch, dessen Lektüre Spaß macht, dich fordert und ein wenig ärgert. Aber mit ein bisschen Abstand siehst du, was da alles an die Tafel gekritzelt wurde. Das Gesamtbild, die Geschichte dieser Charaktere in einer Zeit und Welt, wie sie genau so über Nacht bei uns entstehen könnte.

Der fliegende Ball näherte sich weiter. Man konnte sie bereits flattern hören. Dann der erste, bahnbrechende Schuss. Dann der zweite, der dritte, vierte und schließlich brachen Salven, Gewitter und Fanfaren los und aus allen Rohren wurden Geschosse in den Schwarm hineingefeuert, aus dem ungezählte schwarze Punkte herausfielen, getroffene Vögel, die zu Boden fielen wie die Maschinen aus Matrix Revolution beim Einbruch in Zion. Alle Leute auf dem Parkplatz ballerten wie Geisteskranke auf die Wolke, die unbeirrt ihre Reise fortsetzte. Es war schrecklich, laut und amüsant. […] Man hörte: Jubel, Gegröle und natürlich das unregelmäßige Aufprallen der Tiere auf die breiten Motorhauben. […]
„Ich hätte gedacht, der Schwarm löst sich in alle Richtungen auf, sobald auf ihn geschossen wird.“
„Seltsam, nicht?“

🦊🦊🦊🦊

4 von 5 Füxen.

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Juan S. Guse – Miami Punk
S. Fischer,
Hardcover,
640 Seiten

 

 

 

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