Rezension: Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter / #buchpreisbloggen

„Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

So beginnt „Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk. Eines der Bücher, das es dieses Jahr auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Mein Patenbuch. Meine erste Wahl wäre es nicht gewesen, aber ich finde es dennoch voll ok, dass ich genau dieses Buch lesen durfte.

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Tobias ist elf Jahre alt, lebt mit seinen Eltern am Stadtrand von Köln und hat nur Ohren und Augen für das ferne Universum und die bevorstehende, erste bemannte Mondlandung. Bis nebenan Familie Leinhard einzieht. Das Ehepaar Leinhard ist so ganz anders als Tobias‘ konservative Eltern und die Tochter Rosa so ganz, ganz anders als alle Mädchen, die Tobias bisher kannte. Sie liest, ist aufgeklärt, redet über Liebe und Philosophie und konfrontiert Tobi mit Gefühlen und Empfindungen, die ihm bisher völlig fremd waren. Auch bei seiner Mutter nimmt Tobias Veränderungen war. Sie rebelliert gegen ihre Hausfrauen-Rolle, arbeitet – inspiriert von Frau Leinhard – als Übersetzerin für einen Verlag und geht auf ihre erste Demo. Sehr zum Missfallen ihres Ehemanns, der ihr schon zu Beginn des Buches vorwirft, sie hätten viel zu wenig Sex. Na, das kann ja nur schiefgehen.

„Ich wollte, dass sie die war und blieb, die ich kannte, seit ich denken konnte: eine verlässliche Versorgungsinstanz, die immer und zu jeder Zeit bereit war, für mich und mein Wohl alles stehen und liegen zu lassen. Als sie in Jeans vor mir stand, den Stoff der Bluse hochgerafft, damit auch der Bund zu sehen war, ahnte ich zum ersten Mal, dass ihr Wesen Seiten hatte, die mir unbekannt waren.“

Erzählt wird nicht aus der Sicht des elfjährigen, sondern des erwachsenen Tobias, der diesen Rückblick auf den Sommer wagt, der sein Leben völlig verändert hat. Er rekonstruiert Schlüsselmomente, Szenen, Dialoge und Empfindungen. Deutet neu, ohne sie zu verändern. Er beschreibt sie beinahe genau so, wie sie ihm damals vorgekommen sind, distanziert sich nicht von seinem Ich von damals. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn einiges davon fand ich richtig ätzend. Es ist so ganz weit weg von meinen Prinzipien, heute, als emanzipierte Frau. Da fragt Frau sich schon: „Muss das sein?“ Meine Oma würde sagen: „Anne, so war das halt.“

FUX-FAZIT:

„Der Sommer meiner Mutter“ ist eine Erinnerung an einen Sommer, der sich zunächst wie ein Anfang von etwas Neuem anfühlte und sich doch als das Ende von allem entpuppte. Ein Junge, in dem Neugier wach wird – der sich ab einem gewissen Punkt aber nur das wünscht, was er vorher hatte. Eine Familie, die zerbricht, weil eine Frau endlich ausbricht. Es ist irritierend, komisch, sinnig konstruiert und populär erzählt. Für mich leider in vielen Punkten unglaubwürdig (weiß ja nicht, was ihr als 11-jährige so gemacht habt). Auf der Shortlist steht „Der Sommer meiner Mutter“ nicht und ich denke, das ist auch völlig ok. Lesen kann man dieses Buch trotzdem.

P.S.: Ohne Schutzumschlag ist das Buch eine eine wahre Schönheit.

🦊🦊🦊

3 von 5 Füxen.

Ulrich Woelk – Der Sommer meiner Mutter
C.H. Beck,
Hardcover,
189 Seiten

 

 

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