Ein Abteil für mich allein – eine Erinnerung.

Ich sitze in der U-Bahn und fühle mich wie die Königin in meinem kleinen Quadrat.

Alle vier Sitze gehören nur mir. Wer einsteigt, hält Abstand. Wer einsteigt, ist alleine. Keine Gruppe von Männern, die den Wagen mit Stimmen und Körpern füllen. Keine Gruppe von Männerkörpern mit Augen, die mich beim Aussteigen von hinten mustern. Keine Gruppe von Männerkörpern, die ihre Beine im ganzen Abteil verteilen und es voll ok finden, mich damit zu zerquetschen. Kein Mensch setzt sich neben mich. Denn wir befinden uns in einer Pandemie. Und ich bin im Paradies.

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Ich erinnere mich an meine ersten Bahnfahrten nach dem Lockdown.

Es ist wahrscheinlich Ende März oder Anfang April. Die Gleise sind geisterhaft, es fühlt sich an, als verfolgen einen die Sicherheitskameras ab der ersten Treppenstufe hinab in den Schlund, in dem seit neuesten Maskenpflicht herrscht. Da stehe ich also, so mit Maske im Gesicht, und wartete mit offenem Mund auf meine U-Bahn. Da kommt sie. Kurz abschätzen, wo ich am besten einsteige, wo ist Platz, natürlich überall. Tür auf – Guckt jemand zu, wie ich den Knopf mit bloßem Finger berühre? Was denken die jetzt? Was denken die, wenn ich es mit dem Ärmel davor mache? Dass ich übertreibe? Ich denke sofort entgegen und will, dass sie wissen, dass ich das sonst auch tue. Tu ich das sonst auch? – Ich steige ein.

Die Bahn, durch dessen warmes, schnaufendes Innenleben ich mich sonst schälen muss, ist nur noch ein Hohlkörper, der pflichtbewusst durch die Tunnel ruckelt.

Ich setze mich hin, doch eigentlich will ich stehen. Ich setze mich wie immer still hin, ab auf meinen Platz, unsichtbar machen, doch eigentlich will ich durch den Wagen tanzen. Ich lasse meinen Blick schweifen, niemand beobachtet mich. Ich will meine Arme ausbreiten und ein trotziges „Endlich gehört die Stadt nur uns!“ durch den Stoff vor meinem Mund schießen. Aber ich bleibe sitzen, die Augen ausdruckslos, hinter meiner Maske mein Lächeln.

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Ein paar Wochen später. Lockerungen statt Lockdown. Die Bahnen sind voller, die mentalen Abstandsmesser liegen wieder in der untersten Schublade, die Menschen haben keine Angst mehr, eng an mir vorbei zu gehen. Von 2 Metern auf Armlänge, von Armlänge auf durchdrängeln. Ich stehe am Bahngleis, warte auf die Bahn. Tür auf, ich steige ein. Auf jedem Vierer sitzt ein Mensch, ich gehe weiter. Durch das Abteil, streife Füße, die an steifen, überkreuzten Männerbeinen in den Gang ragen. Bloß schnell durch hier, einfach einen leeren Vierer finden. Mein Blick ist gesenkt, hinter meiner Maske kein Lächeln.

Ich erinnere mich an die leeren Straßen nach dem Lockdown. Das durch die Stadt gehen mit dem Gefühl, dass sie endlich uns gehört. Kein Mann, der sagt „Lach doch mal“, weil er unseren Mund ja eh nicht sieht. Kein Mann kommt uns zu nah, kein Mann läuft an uns vorbei, als wären wir nicht da. Kein Zurücktreten, kein Zurückweichen, obwohl nicht wir diejenigen sein sollten, die Platz machen. Die Welt ist verkehrt und endlich richtig rum. Die Männer haben Angst. Wir sind nicht länger Körper, wir sind Gefahr.

Ich wünsche mir Normalität und habe trotzdem Angst, dass alles wie immer wird. Ich sitze in der U-Bahn und bin ganz klein. Keine Königin, sondern zurück in der Realität.

Die Augen ausdruckslos, unter meiner Maske still.

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