Blogbuster 2020: Interview mit Longlist-Kandidatin Sina Lippmann

Der Blogbuster 2020 ist immer noch in Gange. Die Longlist steht fest und im nächsten Schritt liest sich die Fachjury durch neun vielversprechende Romanmanuskripte. Meine Aufgabe ist also abgeschlossen – aber noch nicht ganz. Denn natürlich drücke ich meiner Kandidatin Sina Lippmann quasi permanent die Daumen. Und um die Wartezeit ein wenig zu überbrücken, habe ich sie kurz interviewt. Außerdem hat sie mir ihre liebsten Passagen aus ihrem Buch „Wofür wir spielten“ geschickt, die ich euch hier mit Freude präsentieren darf. Viel Spaß!

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Photo by Peter Lewicki on Unsplash

 

fuxbooks:
Liebe Sina, du hast dich mit „Wofür wir spielten“, einem Roman über die Off-Theater-Szene West-Berlins Ende der 1980er Jahre, beim Blogbuster beworben und damit einen Nerv bei mir getroffen. Ich liebe Theater! Warum hast du dir genau dieses Thema für deinen Roman ausgesucht – oder hat es dich ausgesucht?

Sina:
Ich habe gesucht und wurde gefunden. Das Theater spielt schon lange eine wichtige Rolle in meinem Leben, angefangen bei der klassischen Schultheater-AG, über diverse Theaterkurse, unzählige Stückbesuche, hin zu einer Spielleiter-Ausbildung, die ich berufsbegleitend absolviert habe. Dort bin ich auch zum ersten Mal mit Menschen in Kontakt gekommen, die in den 80ern in der freien Szene Berlins mit eigenen Theatergruppen vertreten waren und konnte gar nicht genug bekommen von ihren wunderbaren und skurrilen Geschichten aus dieser Zeit. Da dachte ich: „Warum gibt es dazu kaum Literatur, das muss doch erzählt werden?!“

Im Hof reichen sie eine Zigarette herum, sind aufgekratzt und erschöpft zugleich, ihre Gesichter glühen, die Luft fühlt sich wärmer an als normalerweise im Juni. Eine Nachtigall schmettert ihr Lied für die Party-Betrunkenen auf ihren Heimwegen, für die Früharbeiter beim Gang zu ihrer ersten Schicht, für die Obdachlosen in ihren Freiluft-Schlafstätten. Aus Sylvie sprudelt es heraus, ihre Haare sind immer noch schweißnass und kleben an ihrer Stirn.
„Ich muss mich bewegen, ich muss tanzen. Lasst uns ins „Far Out“.“
Sie haken einander unter, Hans neben Josephine, und schweben in die Nacht. Waldgeister, denkt Josephine. Sie wünscht sich ein Einweckglas, um das hier für immer festzuhalten.

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Photo by Mark Thompson on Unsplash

fuxbooks:
Du schreibst auch Theaterstücke. Was ist da anders als beim Roman schreiben – oder vielleicht ähnlich?

Sina:
Das Theater funktioniert ja – von den Regieanweisungen einmal abgesehen – vor allem über die Dialoge (oder den Monolog). Die müssen so wie das Leben klingen und auch die Botschaften zwischen den Zeilen mittransportieren, weil es keinen Raum für literarische Erläuterungen des Gesagten, keine beschreibenden Blicke in die Gedankenwelt der Personen gibt. Die Charaktere sollte man als Autor*in aber in jedem Fall gut kennen, sonst entsteht auch beim Gegenüber keine Nähe oder Identifikation.

fuxbooks:
Im Roman spielt Freundschaft eine ganz zentrale Rolle und vor allem ihre Fragilität, wenn Freunde andere Wege gehen. Was fasziniert dich an diesem Thema als literarisches Element?

Sina:
Bei tiefen Freundschaften ist ja immer das Gefühl und der Wunsch vorhanden, dass sie ein Leben lang bestehen mögen. Ganz besonders, wenn wie im Fall der „Antigonisten“ eine gemeinsame Vision, eine schier grenzenlose Leidenschaft für das Theater im Spiel ist. Wie kann es überhaupt passieren, dass so etwas Starkes zerbricht und wie überleben Menschen so einen Verlust – diese Fragen treiben mich um.

fuxbooks:
Welche Figur magst du am meisten in „Wofür wir spielten“? Und welche am wenigsten? 😉

Sina:
Josephine, die Protagonistin, liebe ich einfach für ihre Hingabe an das Spielen und die Unbedingtheit, mit der sie versucht, die „Antigonisten“ zusammenzuhalten, selbst als dieses Unterfangen längst zum Scheitern verurteilt ist. Mich interessieren aber sonst meistens eher die stillen und fragilen Figuren. Deshalb sind mir Stephan mit seinen Alkohol-Abstürzen und Tom mit seinen Selbstzweifeln oft näher als beispielsweise Markus, der sich vom freundlichen Mitbestimmungs-Mentor zum cholerischen Möchtegern-Regisseur wandelt. Aber eigentlich mag ich sie alle, ich habe schließlich eine ganze Weile in meinem Kopf mit ihnen zusammengelebt.

Wie ein Expeditionstrupp schwärmten wir in alle Winkel des riesigen Hauses. Immer wieder ertönte hinter Türen, aus Schränken, Kellern, Speisekammern ein „Ihr glaubt nicht, was ich gefunden habe, das müsst ihr euch ansehen!“ Wir strömten den Rufen entgegen, um uns Gläser mit eingelegten Gurken, hölzerne Schaukelpferde, Miniaturpanzer-Sammlungen, Obstschnapslager und Pitiplatsch-Puzzle vorführen zu lassen. Wer nach Mehrheitsbeschluss das schrillste, schrägste, originellste Ding zu Tage gefördert hatte, durfte sich zuerst ein Zimmer aussuchen, das er bewohnen wollte. Es folgten die nächstplatzierten in ihrer jeweiligen Reihenfolge, wobei auch Tauschverhandlungen geführt werden durften. Ich gewann mit einem kitschigen Ölgemälde inklusive röhrenden Hirschen die Dachmansarde, die von dunklen Holzbalken durchkreuzt und vom Abendlicht geflutet wurde.
Hans fand in einem Vorratsschrank eine brauchbar aussehende Nudelpackung und einige Dosentomaten. Er kochte daraus eine Soße, in die er händeweise Kräuter unseres wilden Gartens warf und die so wunderbar schmeckte, dass wir um das Auskratzen des Topfes kämpften. In der Scheune entdeckte Markus einen Vorrat an Holzscheiten. Die Feuerfliegen schossen zur Milchstraße und zum ersten Mal seit langer Zeit hatten wir wieder einen gemeinsamen Himmel.

fuxbooks:
Was mir besonders gefiel, war deine Sprache. Das Gewitter, das sich mit einem Räuspern ankündigt, das Reißverschlussschnurren, das Lippenflattern … einfach toll. Du wirkst wie eine feine Beobachterin deiner Umwelt. Hast du immer ein Notizbuch bei dir oder wie sieht dein Schreibprozess aus?

Sina:
Wichtiger als ein Notizbuch ist für mich das stille Beobachten und verdichtende Erinnern. In unserer Theaterpädagogen-Ausbildung gab es Übungen, bei denen wir durch den Raum gegangen sind und an den Türklinken, Heizungsrohren und Fensterscheiben schnuppern und intensiven Kontakt zu den Dingen in unserer Umgebung aufnehmen mussten. Vielleicht ist da auch irgendeine für das Schreiben hilfreiche „Deformation“ hängen geblieben.

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Photo by Jason Wong on Unsplash

fuxbooks:
Was liest du selbst gerne – hast du vielleicht ein liebstes Buch?

Sina:
Ich lese viel und vielseitig, deshalb gibt es das „eine“ Lieblingsbuch nicht. Am besten gefallen mir Bücher, die etwas in mir anstoßen und eine neue Tür öffnen. Das, was sich dahinter verbirgt, muss aber nicht zwangsläufig die schöne neue Welt sein – auch Verstörung kann gut sein, wie z.B. in Thomas Melles „Die Welt im Rücken“. Mein liebstes Jugendbuch war „Z wie Zacharias“ und zuletzt sehr begeistert war ich vom wiederentdeckten „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger. An dem ist unser Englischlehrer damals mit uns verzweifelt und hat die Lektüre im Unterricht abgebrochen – fast wäre es mir also durch die Lappen gegangen. Bücher, die sehr lange nachgeklungen haben, waren „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk und „Takeshis Haut“ von Lucy Fricke, zuletzt beim Lesen laut gelacht habe ich beim „Zopf meiner Großmutter“ von Alina Bronsky.

fuxbooks:
Natürlich interessiert mich besonders die Entstehung von „Wofür wir spielten“. Womit fing alles an? Schreibst du chronologisch und schaust, wie sich die Figuren entwickeln oder hattest du am Anfang schon das Ende im Kopf?

Sina:
Es begann mit der Idee einer „Träumen-Scheitern“-Story angesiedelt in der Berliner Off-Theater-Szene West-Berlins Ende der 80er Jahre. Dann folgte sehr viel Recherchearbeit, Interviews, Fotosichtungen, ein erster vorsichtig gesponnener Handlungsfaden. Im Roman gibt es sowohl die nach vorn chronologisch erzählte Geschichte der „Antigonisten“-Theatergruppe, als auch diverse Rückblenden, die in Bildern von der Liebe zum Spielen und vor allem Josephines Weg erzählen. Das Ende hatte ich am Anfang noch nicht im Kopf, nur die Frage, ob wir an unseren Lebensträumen festhalten würden, wenn wir von ihrem späteren Scheitern bereits wüssten und den Gedanken, dass sich Liebe unter allen Umständen lohnt.

fuxbooks:
Wenn du deinen Roman mit nur einem Satz (es darf ein langer sein) potenziellen Kunden und Kundinnen in der Buchhandlung empfehlen könntest: Wie würde er lauten?

Sina:
„Wofür wir spielten“ erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall der „Antigonisten“, einer verrückten Off-Theatergruppe im West-Berlin der späten 80er Jahre und stellt die Frage, was aus dem Leben wird, wenn die Menschen, mit denen wir uns am tiefsten verbunden fühlen, plötzlich andere Wege gehen und das Scheitern unserer Träume unabwendbar scheint.

fuxbooks:
Vielen Dank für deine Zeit! Meine Daumen für „Wofür wir spielten“ bleiben gedrückt. Und vielleicht sehen wir uns ja auf der Frankfurter Buchmesse?

Sina:
Das wäre mir ein unglaubliches Vergnügen!

Sina Lippmann_Blogbuster
Sina Lippmann wurde 1979 in Hameln geboren und studierte Ethnologie (inklusive Aztekisch-Sprachkurs), Anglistik und Kommunikationswissenschaft in Göttingen, Irland und Berlin. Heute arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag. Sie absolvierte ein Fernstudium Prosaschreiben und eine berufsbegleitende Ausbildung zur Theaterpädagogin. Seit ihrer Kindheit schreibt sie Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke. „Wofür wir spielten ist ihr erster Roman“, für den sie das Residenz-Stipendium „42 Tage Putlitz“ erhielt.

 

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