Rezension: Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Ich habe ständig Schmerzen. Wenn es nicht der Kopf ist, der drückt, dann sind es die Ohren, die sausen, die Wirbel, die zwicken, die Augen, die flirren oder die Gelenke, die klemmen. Ich bin seit meiner Kindheit so an Schmerz gewöhnt, dass er ein Teil von mir geworden ist. Mein Begleiter, Beobachter und Signalgeber. Nur manchmal ploppt sie auf, die Frage: Wie wär mein Leben ohne Schmerz?

IMG_0059

Die Liebe zwischen Alma und Friedrich ist jung, besonders und scheint perfekt, als sie ein Kind bekommen. Doch ein genetischer Defekt macht Emil zu einem außergewöhnlichen Menschen – denn er empfindet keinen Schmerz.

„Es war, als litte er an einer Körpersprachlosigkeit, die zu schlimmen Dingen schwieg. Zu dem Wissen, das jedem Schmerz innewohnt, hatte er keinen Zugang, die Auskunft, die dieser einem über die Welt und einen selbst gab, blieb ihm fremd. Schmerz war für ihn Abwesenheit. Wenn Alma und Friedrich ihn fragten, was Schmerz sei, sagte er, das ist das, von dem ich nichts weiß.“

Schmerz und vor allem seine Abwesenheit bestimmen Almas Tage. Nach jedem kindlichen Abenteuer wird der kleine Körper abgetastet, untersucht auf unentdeckte Verletzungen. Jeden Tag aufs Neue erwartet sie die Herausforderung, einem Menschen Grenzen und Mitgefühl beizubringen, ein Verständnis für etwas, das alle anderen empfinden, ihm aber völlig fremd ist. Das Kind wiederum lernt und imitiert schmerzverzerrte Gesichtsausdrücke, Reaktionen und Blicke, spürt, dass es sich anpassen muss an diese fremde Schmerzerwartung, an diese Form der menschlichen Kommunikation.

IMG_0060

Dann ist da Almas Großmutter, die Alma vom Krieg erzählt. Während die Großmutter schmerzliches loszuwerden versucht, taucht Alma tiefer ein in ihre eigene Geschichte und beschließt eines Tages, sich mit ihrer Familie auf eine Reise zu machen, die sie ganz nah anbringen soll an die Vergangenheit ihrer Großeltern und die Antwort einer lange verschwiegenen Frage nach Schuld.

„Die beiden Frauen kamen sich nah. Ihre Begegnungen waren Spaziergänge im Gedächtnis der einen, die andere war Besucherin im Museum eines verschwindenden Lebens, Gast in einem fremden Schädel voller Geschichten, die ihren Weg bereitet hatten.“

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

„Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Schmerz und darüber, was seine Abwesenheit bedeutet. In nicht mal 200 Seiten schenkt uns Valerie Fritsch ein außergewöhnliches Porträt einer Familie, zusammengehalten durch Vergangenheit, Erinnerung und Schmerz. Und das in einer Sprache, die kein Wort zu viel verliert, sondern immer genau richtig ist. Sie konstruiert Sätze, die sich direkt ums Herz wickeln und da kurz verweilen wollen. Poetisch, präzise, leise und einfach schmerzhaft schön.

„Die große, einfache Liebe blieb ihnen lange, auch wenn die Umstände mit den Jahren komplizierter wurden. Natürlich konnte man den Schmerz voraussehen, aber darauf Rücksicht nehmen konnte man nicht.“

42917

 

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson
Suhrkamp Verlag,
gebunden, 174 Seiten
Hier geht’s zum Buch

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s