Fuxbooks meets Bücherhallen II – Norwegen im Herbst

Die Frankfurter Buchmesse ist für mich wie ein Festival. Drei Tage auf den Beinen, überflutet mit Reizen, unterwegs mit feinen Menschen und dazu konsequent unterzuckert. Außerdem findet – wie bei jedem Festival – alles Beste gleichzeitig statt und man weiß gar nicht, wie man so viel Erlebnis in so wenig Zeit pressen soll. Und wieder ist das eigen Ich um einiges reicher, dein Bücherregal um zehn Bücher voller. Oh boy. Aber zunächst zu Büchern, die ich bereits gelesen habe.

Zum zweiten Mal war ich eine Woche nach der Messe zu Gast in den Bücherhallen und durfte meine persönliche Herbstlese vorstellen. Im März war das Thema Leipzig mit Literatur aus Tschechien – jetzt war Norwegen dran. Und diese Bücher hatte ich im Gepäck.

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Die Bücher:

Helga Flatland – Eine moderne Familie (Weidle)
Marieke Lucas Rijneveld – Was man sät (Suhrkamp)
Pauline Delabroy-Allard – Es ist Sarah (Frankfurter Verlagsanstalt)
Kristin Höller – Schöner als überall (Suhrkamp Nova)
Kjersti A. Skomsvold – Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone (Hoffmann & Campe)
Merethe Lindstrøm – Tage in der Geschichte der Stille (Matthes & Seitz Berlin)


Helga Flatland – Eine moderne Familie

(Aus dem norwegischen von Elke Ranzinger)

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The title says it all. Eine moderne Familie, das sind die Eltern Sverre und Torill, deren erwachsene Kinder Liv (verheiratet, zwei Kinder), Ellen (dringender Kinderwunsch) und Håkon (überzeugter Single und Fan freier Liebe). Alle reisen nach Italien, denn Papas 70. Geburtstag steht an. Doch statt Feierlaune herrscht eisige Stimmung – denn die Eltern verkünden ihre Scheidung.
Erzählt wird alles, was danach passiert, abwechselnd aus der Sicht der Geschwister Liv, Ellen und Håkon. Die Konsequenzen, die die Entscheidung der Eltern auf die Familie hat und wie sie sich, jeder für sich, zurückerinnern. Was die Geschwister verbindet, ist die Distanz. „Hast du mit XY gesprochen?“ ist die Frage, die immer wieder auftaucht. Doch so richtig redet keiner miteinander. Gleichzeitig strugglen alle mit dem, was ihr Leben füllt und suchen das, was plötzlich fehlt.

„Mein Leben ist meines, nicht nur eine Funktion im Leben meiner Eltern.“

FUX-FAZIT:

Fast schon analytisch beschreiben die Geschwister ihr Innen- und Außenleben. Das Buch liest sich wie eine Therapiesitzung, bei der es keinen Therapeuten braucht. Und in allem liegt so viel Wahres und Echtes, dass man gerne zuhört. Die Sprache ist einfach gehalten und nimmt uns locker leicht an die Hand der ProtagonistInnen. Vielleicht ist „Eine moderne Familie“ keine große Literatur, dafür aber eine Geschichte über die großen Fragen über die eigene Familie, was sie zusammenhält und besonders macht.

🦊🦊🦊
3 von 5 Füxen.


Marieke Lucas Rijneveld – Was man sät

(Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen)

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Dieses Buch. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an dieses sprachgewaltige, irrsinnig gute Debüt denke. Aber Obacht, ihr sollt gewarnt sein: „Was man sät“ ist nichts für zarte Nerven. Denn was die Autorin uns da aus der Perspektive der 12jährigen Jas vor die Füße knallt, hat es in sich.
Darum geht’s: Jas ist eins von vier Kindern, die in einer streng gläubigen Bauernfamilie aufwachsen. Kurz vor Weihnachten ahnt sie, dass der Vater ihr Kaninchen schlachten will. Sie betet zu Gott, er möge statt des Kaninchens doch ihren Bruder zu sich holen – noch am gleichen Tag bricht ihr Bruder ins Eis ein und stirbt.

„Nicht ein einziges Mal berührt Mutter mich, als sie das Omelett verteilt, nicht einmal versehentlich. Ich gehe einen Schritt zurück und noch einen. Kummer nistet sich in der Wirbelsäule ein, Mutters Rücken krümmt sich immer mehr.“

FUX-FAZIT:

„Was man sät“ ist eine heftige Geschichte über Verlust und wie er eine Familie vergiften kann. Während sich die Eltern völlig von ihren Kindern zurückziehen und keinerlei Liebe mehr im Haus herrscht, suchen sich Jas und ihre Geschwister immer mehr Berührungspunkte mit dem Tod. Sie suchen Nähe und Antworten, die ihnen keiner geben kann. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, das mich so unvorbereitet am Haken hatte. Es ist traurig, eklig und weich. Verstörend, intensiv, wahnsinnig klug und bildgewaltig. Und es lohnt sich, dieses Buch bis zum Ende durchzulesen.

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.


Pauline Delabroy-Allard – Es ist Sarah

(Aus dem Französischen von Sina de Malafosse)

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„Es ist Sarah“ ist ein schmales Buch, das vor Liebe und Verhängnis nur so strotzt. Die Geschichte einer Amour Fou zwischen Sarah und der namenlosen Erzählerin, die sich in einer Silvesternacht kennenlernen und nach kurzer Freundschaft einer innigen Liebe hingeben. Die Erzählerin ist verheiratet und Mutter, trennt sich von ihrem Mann und lässt sich von ihrer Liebe zu Sarah überrollen. Sie ist intensiv, sinnlich und völlig neu. Doch gleichzeitig ist Sarah auch zerstörerisch, dramatisch und ihre Beziehung Gift und Erlösung zugleich. Als sie erkrankt und im Sterben liegt, trifft die Erzählerin eine Entscheidung, die sie bis zum Ende der Geschichte verfolgen wird.

„Es geht um Sarah, ihre unerhörte, grausame Schönheit, ihre strenge Raubvogelnase, ihre Feuersteinaugen, ihre tödlichen Mörderaugen, ihre Schlangenaugen mit den hängenden Lidern.“

FUX-FAZIT:

„Es ist Sarah“ ist einfach berauschend. Das Konstrukt clever, die Autorin arbeitet mit Wiederholungen und Abwandlungen, um die Entwicklung dieser Beziehung zu illustrieren. Immer wieder ist Raum für Wirkung, eigene Gedanken und Innehalten. Das Verhältnis der beiden ist fast greifbar, ebenso die Leichtigkeit der Liebe, sowie deren unumgänglicher Schmerz. Très bien!

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.


Kristin Höller – Schöner als überall

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Martin und Noah sind beste Freunde, schon immer. Aufgewachsen im selben Kaff, später in die große Stadt gezogen. Der eine Schauspieler und Frauenschwarm, der andere – Martin. Student, zutiefst loyal, generell eher unorientiert. Er macht halt. Bis zu der Nacht, in der Noah sturzbesoffen den Speer der Athene auf dem Münchner Königsplatz abbricht und dringend loswerden will. Panisch beschließt Noah, dafür in die weit entfernte Heimat der beiden zu fahren. Zuhause angekommen ist eigentlich alles wie immer. Und doch beginnt Martin, sich in der gewohnten Umgebung neu zu orientieren.

„Ich glaube nicht, dass sich das noch mal ändern wird: dass ich sie jemals anschauen kann aus dem Nichts heraus, und dabei bleibt alles an seinem Platz. Ich glaube, da wird es immer eine Bewegung geben.“

FUX-FAZIT:

„Schöner als überall“ ist unheimlich stark. Es ist ein zeitgenössischer kleiner Heimatroman, der gleichzeitig Jugend, Gegenwart und Zukunft in Frage stellt. Es geht um Familie und wie wir Kinder unsere Eltern wahrnehmen, einordnen und lieben lernen. Es geht um bröckelnde Fassaden, Veränderung, die erste große Liebe und deren Ende. Ein sprachlich überraschendes, berührendes und zartes Debüt. Und I mean, the cover. How beautiful is that then.

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.


Kjersti A. Skomsvold – Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone

(Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein)

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Eine Schriftstellerin geht in den Dialog mit ihrer neugeborenen Tochter – oder vielmehr Monolog. Denn alles, was sie ihrer Tochter erzählt, erzählt sie auch sich selbst. Sie erzählt davon, wie es ist als Schriftstellerin ein Kind zu bekommen, wie es ist, Mutter zu sein und dennoch an sich festhalten zu wollen. Und das passiert in gleichen Teilen so liebevoll und tragisch, dass es gleichzeitig wärmt und schmerzt.

„Jetzt schreibe ich, und ich hoffe, das bedeutet nicht, dass ich dich verpasse, ich darf dich nicht verpassen.“

FUX-FAZIT:

Dieses Buch ist großartig. Eine Seite nach der anderen habe ich eingesaugt, mir ständig Markierungen (und Eselsohren, sorry) gemacht. Im Buch selbst wachsen wir ein Stück mit mit der neugeborenen Tochter, die Monate und Entwicklungen werden anskizziert. Zwischen den beiden entsteht eine Bindung, eine Liebesgeschichte der besonderen Art. Die Erzählerin tänzelt gekonnt zwischen Erinnerungen an sich selbst und der Zeit mit Kind. Sie ist völlig hin- und hergerissen zwischen bedingungsloser Liebe zu ihren Kindern und ihrer freien Existenz als Frau und Schriftstellerin. Schmales Bändchen, ganz große Wirkung.

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.


Merethe Lindstrøm – Tage in der Geschichte der Stille

(Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger)

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Was passiert mit einer über viele Jahre zusammengewachsenen Verbindung, wenn sich ein Teil plötzlich löst? „Tage in der Geschichte der Stille“ ist ein Roman über Erinnerung, Schweigen, Liebe und loslassen. Es geht um das Ehepaar Eva und Simon, deren Töchter längst erwachsen und aus dem Haus sind. Sie leben zu zweit, doch eigentlich allein. Denn Simon hört auf zu sprechen. Damit geht Eva allein auf die innere Reise zu allem, was zu zweit war und was jetzt anders ist. Und dann ist da noch die mysteriösen Andeutungen zur Haushälterin, die aus irgendeinem schlimmen Grund nicht mehr im Haus arbeitet.

„Ich muss jemandem erzählen, wie sich das anfühlt, warum es so schwer ist, mit jemandem zu leben, der plötzlich stumm geworden ist. Es fühlt sich nicht nur an, als wäre er nicht mehr da. Es fühlt sich an, als wäre man selbst weg.“

FUX-FAZIT:

Liebe Partygemeinde, mit diesem Buch könnt ihr mal so richtig entspannen. Aufklappen, über schöne Seiten streichen und eure Sinne und Gedanken easy flanieren lassen. Denn „Tage in der Geschichte der Stille“ ist kein rasantes, plotgetriebenes Buch. Sondern eins, das Zeit, Interesse und Verstand fordert. Was nicht heißt, dass es kompliziert oder absurd hochgestochen geschrieben ist. Es enthält sowohl unheimlich viele spitze Gedanken als auch gefühlvoll ausgearbeitete Dialoge und Szenen, in die man sich einfach fallen lassen muss. Und doch spannend, dank des Wechsels von Gegenwart und Vergangenheit, in der kleine Cliffhanger neugierig machen. Ein spürbar gutes Buch über Schweigen und Erinnerung.

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.

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