Rezension: Barbara Pym – Vortreffliche Frauen

Ich bin 29 Jahre alt, unverheiratet und noch dazu Feministin. Ein „Zustand“, der 1952 eher selten war. Verpönt, skandalös, gehört sich nicht. In genau diesem Jahr veröffentlichte Barbara Pym „Vortreffliche Frauen“. Ein Roman über Mildred Lathbury, eine über 30-jährige Single-Frau aus London, deren vermeintlich ruhiges und geordnetes Leben mit dem Einzug eines unkonventionellen Ehepaars so richtig durchgewirbelt wird.

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Die „Neue“ in Mildreds Leben heißt Helena Napier und ist eine attraktive Anthropologin, deren Ehemann Rocky derzeit als Marineoffizier durch die Weltgeschichte tourt – und dabei den ein oder anderen „Uniform-Rock richtet“. Doch Helena ist kein Kind von Traurigkeit und verbringt ihre Zeit nicht mit öder Hausarbeit, sondern mit Forschungen, ihrem Kollegen Everard und ihrem Freund, dem Alkohol. Die Wege kreuzen sich, als die Napiers ins Haus von Mildred ziehen und sie sich künftig Flur und Badezimmer teilen.

„Wir mussten uns über eine Stunde unterhalten haben. Ich entschied, dass ich Mrs. Napier nicht sonderlich mochte, und tadelte mich dann für diesen Mangel an christlicher Nächstenliebe. Aber mussten wir immer alle mögen?“

Na und, denkt ihr euch. Standard. Aber nicht in der Nachkriegszeit, Freunde! Nicht in einer Zeit, in der es klare Verhaltens- und Lebensregeln für vortreffliche Frauen gab. Frau möge in die Kirche gehen, Frau möge sich für die Gemeinschaft engagieren, Frau möge sich ziemen, Frau möge immer ein Mahl kochen können, wenn Herrenbesuch ansteht. Alles Punkte, die mir Kopfschmerzen bereiten. Doch Mildred fühlt sich wohl in ihrem Leben – denkt sie jedenfalls.

„Sie versetzen sich zu sehr in andere Leute hinein“, sagte Helena. „Ich glaube, sie ist völlig zufrieden damit, in ihrem Garten herumzuwerkeln und Romane zu lesen. Frei und unabhängig sein, nur darum geht es.“
„Aber doch nicht, wenn Sie alt sind!“, protestierte ich. „Wüssten Sie etwas mit Freiheit und Unabhängigkeit anzufangen, wenn Sie so spät im Leben dazu kämen?“

Sie wehrt sich spürbar gegen diese neue Unbekannte, die Hosen trägt, den Abwasch nicht macht und spät nachts polternd nach Hause kommt. Bis ihr Ehemann zurückkehrt und in Mildred neue Gefühle weckt. Und dann ist da ja auch noch ihr guter Freund Julian, der gleichzeitig auch der Pfarrer in Town ist und anscheinend doch auch ein Auge auf sie geworfen hat. Es aber nie wirklich zugeben konnte. Bis … Jaja, ich weiß, was ihr jetzt denkt. Dachte ich auch. Aber es kommt doch alles ein bisschen anders. Und das fand ich irgendwie auch ganz gut so.

„Sind die aus Ihrem Garten?“, fragte ich.
„Ja, ich habe sie schnell noch gepflückt, bevor ich zum Zug musste.“
Irgendwie machte sie das weniger kostbar. Er hatte sie nicht für mich ausgesucht, war nicht eigens dafür in einen Laden gegangen, sie waren einfach da gewesen. Wenn er in einen Laden gegangen wäre und sie ausgesucht hätte … Ich rief mich zur Ordnung und befahl mir, diese lachhaften Überlegungen sofort einzustellen. Wie kommt es, dachte ich, dass wir nie aufhören können, die Motive von Menschen zu analysieren, die kein tiefergehendes Interesse an uns haben, in der vergeblichen Hoffnung, vielleicht doch ein Fünkchen davon ausfindig zu machen?“

FUX-FAZIT:

„Vortreffliche Frauen“ ist ein scharfsinniges Porträt einer Zeit und Gesellschaft, die ganz weit weg von meinem Leben ist. Und doch kennen und tragen wir alle manchmal noch die Vorurteile und Erwartungshaltungen der Vergangenheit in uns. Ausbildung, heiraten, Kinder kriegen. Ja, why not? Aber dass zwischen all dem noch so viel mehr passiert, was eine Frau antreiben kann, darf niemals vergessen werden.

Ich mochte das Setting, die Charaktere und die Dialoge. Herrlich lebhaft, amüsant und klug, wenn auch oft etwas zu katholisch – Kirche und Herrgott sind nicht so meins.
Mildred habe ich extrem schnell ins Herz geschlossen. Sie erfährt endlich, was Unabhängigkeit bedeutet. Doch wir LeserInnen dürfen nicht von ihr erwarten, dass sie in knapp 350 Seiten ihr Leben umkrempelt. Aber es war schön zu erlesen, wie sie Schritt für Schritt und Gedanke für Gedanke neue Erkenntnisse – und damit neue Perspektiven gewinnt. Der Schreibstil ist großartig, sofern die Stimmung danach gegeben ist. Aber es fiel mir leicht, mich mit diesem Buch gedanklich mal wieder etwas fort zu bewegen. Und glücklicherweise schnell wieder im Hier und Jetzt anzukommen

„Lassen Sie mich bleiben, wie ich bin“, sagte ich. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben.“

🦊🦊🦊

3 von 5 Füxen.

Barbara Pym – Vortreffliche Frauen
aus dem Englischen übersetzt von Sabine Roth
Dumont,
Hardcover,
350 Seiten

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