Rezension: Demian Lienhard – Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

Die Schweiz in den 1980er und 90er Jahren. Ein Mädchen namens Alba, die erste Liebe und alle fatalen Folgen, die sie hat. Das sind nur ein paar der Themen, die Demian Lienhard in seinem Debüt unterbringt. Denn es ist proppenvoll mit allem, was einer jungen, rebellischen Heldin im Kopf herumschwirrt. Und das alles vor dem Hintergrund familiärer Zwiste, politischer Revolten, einer verheerenden Drogenszene und dem Leben im Allgemeinen.

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„Und dann, als sich Lea langsam senkt an den Seilen, frage ich mich wie es wohl ist, wenn man da unten liegt in der Grube und um einen herum dieser Sarg und diese Wände aus Lehm, die haltlos sind und glatt wie die Ewigkeit, sodass man nicht mehr aus ihr herauskommt.
Und dann denke ich, dass ich das alles schon einmal gesehen habe. Und noch nie. Und dass ich weiß, warum ich es noch nie gesehen habe. Und dass ich nicht weiß, warum nicht.“

Alba ist im Krankenhaus. Den genauen Grund kennen wir noch nicht, aber wir wissen, dass es ein „Unfall“ war. Und wir wissen, dass sie in Jack verliebt ist, ihrem stetigen Besucher, der bei Albas Mutter nicht gerade Begeisterungsstürme auslöst. Apropos Mutter. Eine einigermaßen wichtige Schlüsselfigur in Albas Geschichte, die sich nach und nach vor mir ausbreitete. So ganz einfach ist das nicht. Denn wie es sich für einen jungen, wilden Kopf gehört, springt alles fröhlich hin- und her. Zeitsprünge, Gedanken, Handlung, Tagträume. Was klingt wie eine Horrorodyssee ist jedoch eine gelungene Fahrt in Richtung schierer Eskalation.

„Was darf’s denn sein?, fragt der Typ hinterm Tresen.
Tob dich aus, sage ich, einfach weil ich das immer schon einmal sagen wollte in einer Bar. Aber kurz darauf bereue ich’s auch schon wieder.
Okay, sagt der nämlich und mixt mir die halbe Karibik ins Glas. Die andere Hälfte ist Eis und von diesem widerlichen Büffelgraswodka.

[…]

Und während ich mir von dem Typen die Zutaten geben lasse, die er mir zweimal wiederholen muss, weil ich jedes Mal den Anfang vergessen habe, wenn er beim Ende der Liste angekommen ist, werde ich plötzlich angelabert von der Seite und am Ärmel gezupft.

Hast du Gras?

Ich drehe mich um zu dieser Stimme, die aus blassen Lippen herabkommt und einer großen Nase und aus blondierten Haaren, und langsam setzen sich die Haare und die Nase und der Mund zu einem Gesicht zusammen, das ich kenne: Marcel.“

Ich denke, zu Beginn der Geschichte ist Alba eine Teenagerin. Ihr genaues Alter wird nie gesagt, genauso wenig wird die Zeit genannt, die vergeht oder das Jahr, in dem wir uns befinden. Das braucht es aber auch gar nicht, denn die Sprache, mit der Demian Lienhard seine Alba sprechen lässt, verändert sich spürbar im Laufe des Buches. Und genau das machte es für mich so besonders und echt. Er nimmt keine Rücksicht auf literarisches „Schulhandwerk“, die Sätze sind länger als ein Atemzug hält und teilweise grammatikalisch so anders, das ich Alba förmlich vor mir sah und ihre Gedanken rattern hörte.

„In meinem Kopf ist jetzt alles schwarz vor Gedanken. Ich schaue aus dem Fenster. Die Wolken, die hie und da nach Westen ziehen über uns, sehen nach nichts aus. Es sind einfach nur Wolken. Am Himmel hängt irgendeine Sonne, die überhaupt nichts zu tun hat mit mir.“

FUX-FAZIT:

„Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ ist keine schöne Geschichte. Aber sie ist echt. Sie liest sich schnell, aber nicht immer ganz leicht, wir werden gefordert, aber wie. Wir dürfen mitdenken, mitfühlen und uns unser eigenes Bild machen. Mehr als einmal wollte ich Alba packen, kräftig durchschütteln, um sie anschließend wieder aufs Start-Feld zu setzen. Dabei ist sie keine Figur, die mir besonders ähnlich ist – was nicht heißt, dass sie mir nicht nahe ging. Ich mochte das Spiel mit der Sprache, ich war fasziniert von der Kreativität und ihrer großartigen Eigenartigkeit. Es ist sicher nicht so easy, so feinfühlig und spitz und poetisch zu beobachten und zu beschreiben, was das Äußere eigentlich im Inneren anrichtet. Und ich finde, wie das der Demian macht, kann man das schon mal machen.

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

Demian Lienhard – Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat
Frankfurter Verlagsanstalt,
Hardcover,
360 Seiten

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