Rezension: Philipp Böhm – Schellenmann

„Jakob weiß nur, dass Hartmann ein anderer geworden ist. Sein Haar ist anders, seine Kleidung ist anders, selbst seine Stimme hat sich verändert. Sein Haar ist kürzer, seine Stimme vorsichtiger geworden. Hartmann spricht jetzt wie einer, der Angst davor hat, zu laut zu sprechen, der befürchtet, die falschen Leute könnten die falschen Sätze hören. Nur morgens auf dem Weg zur Arbeit wird er laut, und da kann Jakob sehen, wie er für diese zwanzig Minuten etwas verliert, das er mit sich trägt, das allerdings sofort zurückkommt, wenn er auf dem Parkplatz die Autotür zuschlägt.

Jakob und Hartmann sind Freunde. Sie arbeiten in einer Fabrik am Stadtrand – in einer Fabrik von der niemand so genau weiß, was sie eigentlich produziert. Jakob ist der zugezogene Außenseiter, der sich dank Hartmann nach und nach einen Platz in dessen Leben und Freundeskreis erarbeitet. Bis Hartmann verschwindet und der stille Jakob sich plötzlich mit völlig neuen Gedanken konfrontiert sieht – und dabei nebenbei vom mysteriösen Schellenmann verfolgt wird.

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„Jakob spricht von keinen Plänen, Jakob stopft die Fetzen in den Häcksler. Und während er gegen die Schwere kämpft, die sich anfühlt, als wäre da nasse Watte in seinen Schädel gestopft, legt sich der Staub über alles, über Rost und Metall, Glas und Gummi, Menschen und Plastik. Winzig kleine Reste der Produktion, in den Raum gewirbelt, werden sich seinen Körper aneignen. […] In den hellen Flächen, die das Sommerlicht durch die Fenster in den Raum wirft, kann man ihn tanzen sehen, ein trockener Schneesturm, ein Schauer der Überbleibsel, träge und doch nie im Stillstand, schimmernde Punkte.“

Die Arbeit in der Fabrik ist monoton, die Kleinstadt grau und perspektivlos. Jakobs Kollegen ein bunter Haufen verschiedener Charaktere, die mir beim Lesen allesamt bekannt vorkamen. Philipp Böhm erzählt keine Lebensgeschichten, sondern Momentaufnahmen. Mit Figuren, die die Heimat eint und gleichzeitig entzweit. Sie werden teilweise nur kurz angerissen, schlüpfen hier und da in die Gastrolle dieses melancholischen Kammerspiels und sind doch eigen und fein gezeichnet.

Während er spricht, fuchtelt er mit der Hand, in der er immer noch das Handy hält, in der Hitze herum. Falten wandern über seine Stirn. „Man muss sich einfach ein bisschen Mühe geben. Ihr habt’s einfach zu leicht, deshalb habt ihr auch Zeit, euch den Kopf über irgendwelchen Mist zu zerbrechen.“ […]
„Serge, wann hat es das letzte Mal geregnet?“, fragt er stattdessen und Serge weiß zum ersten Mal keine Antwort, lässt nur die halb aufgerauchte Kippe auf den Boden fallen und schüttelt verärgert den Kopf, als wolle er damit ausdrücken, dass der Himmel und was dort geschieht nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fallen.

Jakob ist sechzehn und ahnungslos. Seine Gedanken begegnen anfangs weniger der Zukunft, sondern vorwiegend seiner bevorstehenden Gegenwart inmitten all dieser Leute. Für ihn stellt sich eigentlich nicht die Frage, was nach dem Sommer passiert. Er zweifelt nicht an der Fabrik, für ihn könnte es immer so weitergehen. Für ihn zählt nur, sich einzugliedern.

Dem Bier ist jeder Geschmack verloren gegangen. Nur etwas Schales und Bitteres bleibt in Jakobs Hals hängen. Jemand fragt ihn, ob er Spaß habe, und er nickt eifrig, kommt überhaupt nicht mehr aus dem Nicken heraus. Jakob weiß, wie er sprechen muss, er kennt die Sätze, er hat sie sich gut überlegt.

Einer, der aber geht, ist Hartmann. Und was er zurücklässt ist ein Jakob, der plötzlich anfängt, anzuzweifeln. Er macht sich auf die Suche nach seinem Freund und findet Geschichten, Meinungen, sterbende Tiere und den Schellenmann. Was klingt wie ein abenteuerlicher Roadtrip ist vielmehr ein träges Wachwerden inmitten trüber Tristesse. Ich habe mir ab und an einen Ruck gewünscht, der durch die Geschichte geht und mehr als nur Fabrikstaub aufwirbelt. Doch wahrscheinlich muss es genau so sein, um diese kleine Welt zu skizzieren. Da passiert ja in Echt auch nix. Und wenn, dann meist in den Köpfen der Einzelnen. Was Philipp Böhm in seinem Debüt (!) aber wirklich wahnsinnig gut macht, ist mit Sprache umgehen. Der aufmerksamen Leserschaft sollten einzelne Schmankerl wie diese hier nicht entgehen:

Auf der Weide schmiegen sich die Kühe aneinander und bilden ein Knäuel von stetig schlagenden Schwänzen, trägen Muskeln und Schlamm, der auf ihrem Fell getrocknet ist. Fliegen wandeln über die riesigen Hautfelder und niemand weiß, wonach sie suchen. Wimpern gehen auf und nieder. Augen starren müde dem Zaun entgegen.

Oder hier. Eine kurze Passage, in der das „W“ eine große Rolle spielt und Freunde des rhythmischen Satzbaus durchaus entzücken können.

Seine Stimme rutscht ganz nach oben: ein beleidigtes Greinen, eine spuckende Wut. Wenn Walter Müller so spricht, ist es nie nur Wut, die man aus seinen Worten hören kann, da ist immer auch eine Art von gekränkter Weinerlichkeit, bei der Jakob jedes Mal Angst hat, sie könne anwachsen.“

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊
3 von 5 Füxen.

„Schellenmann“ ist grau, außen wie innen. Es ist melancholisch, träge und damit extrem real. Das Buch erfasst, kritisiert und lässt dennoch einiges offen. Mir war es oft leider etwas zu fad und – ich muss es so sagen – langweilig. Trotzdem entwickelte ich an vielen Stellen eine kleine Begeisterung für Szenen und Sprache, was mich etwas über die konfuse Story hinwegtrösten konnte. Alles in allem eine flackernde Momentaufnahme einer eigenen Welt voller Figuren wie Fabrikstoffreste: „schimmernde Punkte, träge und doch nie im Stillstand“.

„Warzenmüller ist nicht länger glücklich, der Tag ist in der Mitte gerissen, da ist nichts mehr zu machen.“

Philipp Böhm – Schellenmann
Verbrecher Verlag,
Hardcover,
224 Seiten

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