Rezension: Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens

Im Herbst werde ich 30. Und um mich herum wird auch keiner jünger, sondern älter und immer mehr zu sich selbst. Wie oft beginnen wir Sätze mit „Weißt du noch“ und lachen dann über einen Bruchteil unserer Vergangenheit. Trotzdem gibt es Abschnitte und Erlebnisse, die ich lieber vergessen will. Und das sind dann meist die, die einen unvorbereitet übermannen oder zumindest peinlich berührt zur Seite blicken lassen.

„Sie hat kein bestimmtes Ich, sondern viele verschiedene, die von einem Buch zum nächsten wechseln.“

Meine erste Begegnung mit Annie Ernaux. In „Erinnerung eines Mädchen“ beschreibt sie ihren Sommer 1958, sie erzählt von sich in der dritten Person und von den Menschen, die sie damals unwiederbringlich in neue Richtungen schubsten. Sie versucht rückblickend zu verstehen, was damals in ihr und ihren Mitmenschen vorging. Welche Handlungen ineinander verkettet waren und was genau in ihr betäubt und kaputt gemacht haben.

„In meiner Erinnerung kann ich kein Gefühl finden, geschweige denn einen Gedanken. Das Mädchen auf dem Bett nimmt an dem Geschehen teil, mit ihr passiert etwas, was sie eine Stunde zuvor nicht für möglich gehalten hätte, mehr nicht.“

IMG_2110 2

„In dem Moment, als Annie Duchesne an diesem 14. August 1958 durch das Tor treten soll, befällt mich ein Anflug von Apathie, häufig ein Anzeichen dafür dass ich vor Schwierigkeiten stehe, die ich nicht zu fassen bekomme, und deshalb nicht weiterschreiben kann. Diese Schwierigkeiten haben nichts mit Versagen der Erinnerung zu tun, vielmehr muss ich aufpassen, dass die Bilder – ein Zimmer, ein Kleid, die Émail-Diamant-Zahnpasta, die Erinnerung ist eine wahnsinnige Requisiteurin – nicht unzählige weitere nach sich ziehen und ich zur faszinierten Zuschauerin eines zusammenhanglosen Films werde.“

Annie ist 18 Jahre alt und verbringt den Sommer als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Sie verliebt sich in H, mit dem sie nach einer Feier ihr erstes Mal erlebt. Zumindest ihre ersten sexuellen Erfahrungen, gefolgt von einer neuen, aufregenden Gefühlswelt. Doch H entzieht sich ihrer, Annie ist hilflos, handelt gefühlsgesteuert und wird zum Gespött.

„Von diesem Mädchen, das am Ufer der Orne weinend ein Sahnetörtchen verschlingt, weiß ich, dass sie stolz ist auf alles, was sie erlebt hat, dass sie die Demütigungen und Beleidigungen für unbedeutend hält. Sie ist stolz auf ihre Erfahrungen, darauf, sich ein neues Wissen angeeignet zu haben, von dem sie nicht weiß, nicht einmal ahnt, was es in den nächsten Monaten in ihr anrichten wird. Die Zukunft jeder Errungenschaft ist unvorhersehbar.

Statt ihresgleichen zu finden, hat sie sich verändert.“

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

„Ich beneide sie aufrichtig. Sie wissen nicht, wie gut sie es haben. Wie dumm, dass man nie weiß, wann man am glücklichsten ist.“

Annie Ernaux verarbeitet nach 55 Jahren einen Sommer, der nicht nur ihr Leben veränderte, sondern sie selbst maßgeblich formte. Und das erzählt sie beeindruckend gut. Sie wühlt in ihren Erinnerungen, hangelt sich entlang an alten Bildern und Gesprächen. Das ist zurecht ab und an etwas konfus, wir kennt sie nicht, die Gedankensprünge zwischen real geglaubtem und mit der Zeit verfärbtem. Ich mochte nicht immer die Annie von damals, aber auch das erscheint einem so vertraut, dass man sein eigenes, 18-jähriges Ich gerne mit dazustellen möchte. Auf der letzten Seite beschreibt sie, was dieses Buch für Annie sein soll. Aber das lest ihr am besten selbst.

Annie Ernaux – Erinnerung eines Mädchens
Suhrkamp Verlag,
Gebunden,
163 Seiten

Hier bestellen – in der Buchhandlung deines Vertrauens!*
#supportyourlocalbookdealer

*Über diesen Link gelangst du zu genialokal, dem Online-Shop des unabhängigen Buchhandels. Solltest du dich für den Kauf des Buches entscheiden, freut sich nicht nur deine liebste Buchhandlung, sondern auch ich. Ich bekomme eine kleine Provision und du ein tolles, neues Buch zum regulären Preis. Viel Spaß! 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: