Fuxbooks meets Bücherhallen – Sechs Frühjahrs-Neuerscheinungen auf einen Schlag

Wie 285.999 andere war ich im März auf der Leipziger Buchmesse. Davor, währenddessen und kurz danach habe ich unter anderem sechs Neuerscheinungen gelesen, die ich im Rahmen einer kleinen Veranstaltung in den Hamburger Bücherhallen vorstellen durfte. Das war geil! Auch ganz schön anstrengend, weil Erkältung ohne Ende und Atemnot bei 60 Minuten Dauermonolog, aber vor allem echt ganz schön.

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Und da ich schon so viel über diese Bücher gesprochen habe, gibt es hier jetzt einen Sammelbeitrag mit kurzen Zusammenfassungen.

Die Bücher:

William Boyd – Blinde Liebe (Kampa Verlag)
Elena Ferrante – Frau im Dunkeln (Suhrkamp)
Miriam Toews – Die Aussprache (Hoffmann & Campe)
Daniela Krien – Liebe im Ernstfall (Diogenes Verlag) Jáchym Topol – Ein empfindsamer Mensch (Suhrkamp)
Radka Denemarková – Ein Beitrag zur Geschichte der Freude (Hoffmann & Campe)


 

William Boyd – Blinde Liebe

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Brodie Moncur ist ein junger Klavierstimmer mit absoluten Gehör und genialem Gespür für Musik. Als es ihn beruflich nach Paris verschlägt macht er Bekanntschaft mit dem legendären Pianisten John Kilbarron, den er fortan auf Konzerttour begleitet. Dabei verliebt er sich in dessen Geliebte, Lika Blum. Eine verhängnisvolle Affäre beginnt – und dann ist da auch noch Kilbarrons fieser Bruder Malachi, der Brodie und Lika zu verfolgen scheint … ein prächtiges Abenteuer im Paris des 19. Jahrhunderts. Die Sprache schillernd und verschnörkelt, die Charaktere genau so, wie sie zu sein haben. Ein Buch wie ein Film, den man ohne große innere Verluste an einem Abend über sich ergehen lassen kann. Die Lektüre unterhält und ist zeitweise spannend und überraschend – das war’s für mich aber leider auch schon. Ansonsten wollte ich Lika gelegentlich wachrütteln, um herauszufinden, was wirklich hinter diesem Frauenbild steckt. Doch bis zum Schluss bleibt sie ein eher oberflächliches Puzzleteil in einer von (wenn auch prächtig beschriebenen) Klischee-Geschichte.

Fux-Fazit:

In dieses Buch lässt sich’s wunderbar eintauchen – aber das auftauchen danach ist nicht weiter schwer. 

🦊🦊
2 von 5 Füxen.


Elena Ferrante – Frau im Dunkeln

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Ganz anders sah es bei „Frau im Dunkeln“ von Elena Ferrante aus. Hier erwartete mich eine Geschichte, in die man nicht abtaucht, sondern die einen eiskalt mit sich hinunterzieht. Aber eins nach dem anderen.
Leda ist knapp fünfzig, lebt alleine und ist Mutter zweier bereits erwachsener Töchter.  Sie verbringt ihren Sommer an der süditalienischen Küste, wo sie nach wenigen Tagen einer italienischen Familie begegnet. Eine Zeit lang beobachtet sie eine junge Mutter und deren kleine Tochter, bis aus dem harmonischen Idyll plötzlich Ekel und Verachtung wird. Leda tut etwas, das für die junge Familie verheerende Konsequenzen hat – und in Leda etwas weckt, von dem sie nicht dachte, dass es so lang und tief in ihr geschlummert hatte.

Fux-Fazit:

Eindringlich, beklemmend und echt. So liest sich „Frau im Dunkeln“. Zielsicher erzählt und voller ehrlicher, widersprüchlicher Gefühle einer Frau, die zwischen Mutter und Frau-sein schwankt.

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.


 

Miriam Toews – Die Aussprache

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„Die Aussprache“ ist eine fiktive Weiterentwicklung einer erschreckenden Realität. In einer abgeschiedenen Mennoniten Kolonie wurden über einen langen Zeitraum Frauen nachts überfallen und vergewaltigt. Dämonen, glaubte man damals. Bis ein Mann ertappt wurde – und mit ihm weitere Männer der Kolonie angeklagt wurden. In ihrem Buch treibt Miriam Toews diese Geschichte weiter und gibt acht Frauen 48 Stunden Zeit, ihr eigene Geschichte umzuschreiben. In Form einer protokollierten Sitzung, in der sie anfangen zu denken, zu streiten, zu planen und erstmals zu hinterfragen.

Fux-Fazit:

„Die Aussprache“ ist leicht zu lesen, aber nicht unbedingt ganz leicht zu verdauen. Ich musste oft schmunzeln über die Ahnungslosigkeit der Frauen – was erschreckend ist. Denn ganz und gar nicht zum Lachen ist es eigentlich, dass sie weder lesen noch schreiben können, dass sie keine Ahnung haben, was sie außerhalb der Gemeinschaft erwarten würde. Sie glauben, nichts wissen zu müssen, bis ihnen bewusst wird, dass sie wahrhaftig nichts wissen. Das Protokoll führt der Lehrer August, der außerdem in Ona verliebt ist, eine der wortführenden Frauen der Sitzung. So richtig klar war mir seine genaue Rolle bis zum Ende leider nicht, dafür fehlte mir Substanz. Dafür waren die Dialoge zwischen den Frauen und das, was sie umtreibt, umso ergreifender und – wie schon erwähnt – auf erschreckende Weise äußerst amüsant.

🦊🦊🦊
3 von 5 Füxen.


Daniela Krien – Liebe im Ernstfall

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Sagt hallo zu dem Buch, das mich nach knapp zwanzig Seiten zum Weinen brachte. In „Liebe im Ernstfall“ begegnen wir fünf Frauen, die auf verschiedene Weisen miteinander verbunden sind. Mal wissen und mögen sie es, mal haben sie davon keinen blassen Schimmer. Jede der Frauen erhält von Daniela Krien genau einen Abschnitt, in dem sie versucht, ein ganzes Leben zu skizzieren. Und ich habe mich ein bisschen verliebt in die Art, wie sie das tut.

Fux-Fazit:

Irgendwie kennen wir alle diese fünf Frauen. Sie stehen für Ideale, Naivität, Sehnsucht, Sexualität, Hilflosigkeit, Rache. Verzweiflung, Rebellion und Familie. Es ist Wahnsinn, was diese fünf Frauen bewegt und miteinander verwebt. Daniela Krien schafft es, mit einfacher, klarer Sprache mitten in die Eingeweide zu schießen. Dahin, wo’s wehtut – aber auch, wo es meist sehr schön ist.

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.


 

Jáchym Topol – Ein empfindsamer Mensch

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Uff. Ungefähr das war meine Reaktion, als ich mit diesem Buch fertig war. Und auch das ein oder andere Mal währenddessen. Zweit häufigste Reaktion: „Was zur Hölle habe ich eben gelesen?“
Ich komm noch mal rein.
„Ein empfindsamer Mensch“ ist die Geschichte einer jungen tschechischen Schaustellerfamilie, die von Brexit-Anhängern aus England verjagt wird, ostwärts durch Europa reist und im russisch-ukrainischen Kriegsgebiet landet. Kurz: Die verrückteste Flucht ever. Die Charaktere sind obskur, die Schauplätze verworren und die Eskalationsstufe immens. Eins nach dem anderen geht schief, Topol lässt nichts aus, weder sprachlich noch inhaltlich.

Fux-Fazit:

Die Lektüre hat schon auch Spaß gemacht, ich habe ja ein Herz für Crazyness. Und Sprache, Figuren und Dialoge sind großartig – vorausgesetzt, man betrachtet sie im Einzelnen. Ich für meinen Teil hatte große Schwierigkeiten, dem Gesamten zu folgen. Wo sind sie, was machen sie, wer ist das jetzt?! – in einer Tour. Lieber Herr Topol, Sie sind sicher genial. Aber das war nix mit uns beiden.

🦊🦊
2 von 5 Füxen.


 

Radka Denemarková – Ein Beitrag zur Geschichte der Freude

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Bei meinem zweiten tschechischen Werk hatte ich mehr Glück. „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ behandelt ein Thema, das mich einfach nicht kaltlassen konnte. Auch wenn es in vielerlei Hinsicht genauso verwirrend war wie das Buch von Topol. Ich schiebe es auf die geniale Vielschichtigkeit, die mir (in beiden Büchern) begegnete.

Drei alte Damen unterhalten ein heimliches Archiv im Prager Untergrund. In diesem Archiv: Abertausende dokumentierte Fälle von Gewalt gegen Frauen, aus aller Welt und jeder Epoche. Diese drei Frauen machen sich jahrelang auf die Suche der Täter und schreiten in Selbstjustiz zur Tat. Parallel dazu: ein vermeintlicher Mord an einem Mann und ein junger Ermittler, der sich kurzerhand in eine Affäre mit der Witwe stürzt. Und er stürzt sich außerdem auf die Spur, die zu dem Archiv der Damen führt …

Fux-Fazit:

Dieses Buch tut weh, aber auf die beste Art und Weise.
Es macht so viel mit dir, wirft so viele Fragen auf und stellt den Leser selbst an den Pranger. Was nerven kann, sind die schier unendlichen Vogel-Metaphern – wer sie aber als Teil des Gesamten betrachten kann, hat gewonnen.

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.

 

 

Ein Gedanke zu “Fuxbooks meets Bücherhallen – Sechs Frühjahrs-Neuerscheinungen auf einen Schlag

  1. Marius schreibt:

    Coole Sache – hab ja nur zwei von deinen Empfehlungen gelesen, beide fand ich auch nur leider so lala bis enttäuschend, aber vielleicht probier ich dann noch irgendwann mal Daniela Krien aus.

    Hoffentlich gibts die Veranstaltungsreihe mit dir noch lange in den Bücherhallen!

    Gefällt mir

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