Rezension: Sophie van der Linden – Eine Nacht, ein Leben

„Ein Teppich aus Muscheln breitete sich unter seinen Füßen aus. Tausendfaches, herzhaftes Krachen. Ein Gefühl der Niederwerfung, der Allmacht. Die der dicken Sohle gegenüber der Zartheit eines zuweilen jahrhundertealten Werks. Tausend kleine Morde bei jedem Schritt.“

Henri begibt sich auf die Reise zur weit entfernten Insel B. Was er dort sucht ist nicht weniger als seine große Liebe: Youna. Und die Antwort auf die Frage, warum sie sich ohne ein Wort von ihm und der gemeinsamen Zukunft abgewandt hat. Doch Youna ist wenig angetan von ihrem plötzlichen Besucher und lässt Henri mit sich und der Insel alleine.

IMG_2105

IMG_2107

Eine ganze Nacht lang begleiten wir Henri und begegnen mit ihm diversen Inselbewohnern und Besuchern. Und an dieser Stelle muss ich kurz meinen Hut ziehen. Der Erzählstil ist so dermaßen clever, dass einem die Perspektivwechsel vorkommen wie ein äußerst vergnügliches Katz- und Mausspiel. Der Leser wird zum Wind, der unbeschwert über die Insel weht und einfach dort hängen bleibt, wo es ihm gerade gefällt.

„Laufen, nicht Schwächen, leiden, nicht klagen“. Diese paar Wörter tanzten dem marathonlaufenden Grammatiker sich gegenseitig ersetzend durch den Kopf, wie in einer Zelle, gegen deren vier Wände ununterbrochen Insekten prallen.

IMG_2108

Henri ist ein Mann, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Er versteht seine Liebe nicht, er versteht das Leben auf der Insel nicht, aber stellt sich vor, wie sich beides vereinbaren ließe. Trotzig flaniert er durch die Landschaft, führt Konversation, sammelt Momentaufnahmen. Bis er schließlich beschließt, wieder abzureisen. Resigniert, entschlossen, voller Trauer aber Erkenntnis. Youna spielt in diesem Buch – trotz ihrer Position als die große Liebe – eigentlich keine besonders große Rolle. Ihr Charakter ist unwichtig. Umso malerischer und pointierter zeichnet Sophie van der Linden all die andern Inselgestalten, die alle ein Leben und ihre Gründe haben.

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊
3 von 5 Füxen.

Ein Buch wie ein langer Spaziergang mit sich selbst und allen Eindrücken, Reizen und Gedanken. Man muss schon Bock haben auf diese Sprache, die sich durch die Seiten schlängelt wie ein Pinselstrich, schwungvoll, vergnügt, aber teilweise triefend vor Farbe. „Eine Nacht, ein Leben“ eignet sich sicher ganz wunderbar als Geschenk für alle, die das Meer lieben. Und die auch gelegentlich flanieren gehen und nicht mehr wissen, warum sie eigentlich losgegangen sind.

„Ich habe die ganze Nacht vor mir,  und ich werde umherlaufen, kreuz und quer die Heide durchkämmen, den hintersten Winkel und die letzte Welle dieses Reviers abklappern, das du dir zu eigen gemacht hast, das dir aber scheinbar noch so viel Angst einflößt, dass du mir sogar die Gastfreundschaft verweigerst. Hierherzukommen hat nichts geändert, ich bin, was dich betrifft, immer noch voller Wut und Traurigkeit.“

Sophie van der Linden – Eine Nacht, ein Leben
Übersetzt von Valerie Schneider
mare Verlag,
gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen,
112 Seiten

Hier bestellen – in der Buchhandlung deines Vertrauens!*
#supportyourlocalbookdealer

*Über diesen Link gelangst du zu genialokal, dem Online-Shop des unabhängigen Buchhandels. Solltest du dich für den Kauf des Buches entscheiden, freut sich nicht nur deine liebste Buchhandlung, sondern auch ich. Ich bekomme eine kleine Provision und du ein tolles, neues Buch zum regulären Preis. Viel Spaß! 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: