Rezension: Elena Ferrante – Lästige Liebe

„Meine Mutter ertrank in der Nacht des 23. Mai, an meinem Geburtstag, im Meer vor einem Ort namens Spaccavento, wenige Kilometer von Minturno entfernt.“

Delia hat keine besonders gute Beziehung zu ihrer Mutter. Sie geht ihr auf die Nerven, sie stört sich an der „Plauderhaftigkeit“ und Lockerheit, bei Besuchen wird sie ungeduldig. Wie das halt manchmal so ist zwischen Mutter und Tochter. Diese beiden Exemplare scheinen nun aber ganz besonders gegensätzlich zu sein. Zumindest ist das die Ausgangslage, als Delia sich nach der Beerdigung in ihrer Heimatstadt auf die Suche nach Hinweisen zum mysteriösen Tod ihrer Mutter macht.

„Unterdessen war der von der Autopsie zerschnittene tote Körper meiner Mutter Amalia immer schwerer für mich geworden, da ich ihn mit Vor- und Zunamen, Geburts- und Sterbedatum zu teils unfreundlichen, teils schmierigen Verwaltungsbeamten mitgeschleppt hatte. Ich hatte das dringende Bedürfnis, ihn loszuwerden, und wollte trotzdem, noch nicht erschöpft genug, den Sarg tragen. Man gestattete es mir nur sehr widerwillig: Frauen tragen keine Särge. Es war auch eine denkbar schlechte Idee.“

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Die Menschen aus dem Umfeld ihrer Mutter sind es, die Delia Schritt für Schritt näher an des Rätsels Lösung führen sollen. Was zunächst klingt wie ein Abenteuer der Drei ???, ist in Wirklichkeit eine Reise wie im Rausch durch ihre eigene Vergangenheit. Auch ich war wie benommen und völlig verwirrt. Was ist real, was die Wahrheit? Gedanken und Erinnerungen mischen sich mit aktuellem Geschehen, was es mir hier und da ganz schön schwer gemacht hat, zu folgen. Ich erinnere mich an mein konsequentes Stirnrunzeln und so ein Justus Jonas hätte mir sicherlich gut helfen können.

„Lästige Liebe“ ist der Debütroman der sagenumwobenen Elena Ferrante – und gleichzeitig mein erstes Mal mit ihr. Ich habe keinen Vergleich zur Freundinnen-Story, also fragt mich bitte nicht. Ich weiß nur, dass sich dieses Buch zwar irre schnell lesen, aber nicht so leicht dekodieren lässt. Den Stil mochte ich schon ganz gerne, teilweise sehr knapp, manchmal mehr ausschmückend. Immer etwas abstrakt, aber dafür mit bemerkenswertem, erzählerischem Handwerk. Da gibt es zum Beispiel diese Szene in der Straßenbahn (oder im Bus?), in der sie Detailverhalten, Blicke und Gefühle von Männern wie Frauen beschreibt. Und das nicht nur mit den Worten „Er gafft sie an“, sondern mit feinen, fast schon poetischen Sätzen, sodass diese unangenehme Situation beinahe zum Vergnügen wird. Das ist doch verrückt! Und sehr gut.

Auch verändert sich „das Innere“ von Delia immer mehr. Es wird mehr nachgedacht und gezweifelt, vor allem an der eigenen Existenz.

„Es würde kein Mehr und kein Weniger zwischen mir und einem anderen Stück von mir geben. Ich würde bis zum Ende ich bleiben, unglücklich, unzufrieden mit dem, was ich insgeheim aus Amalias Körper herausgezogen hatte. Klein, viel zu klein war die Ausbeute dessen, was ich ihr hatte rauben können, was ich aus ihrem Blut, aus ihrem Bauch und aus dem Rhythmus ihres Atems gerissen hatte, um es in meinem Körper zu verstecken, in einer eigensinnigen Materie meines Gehirns.

FUX-FAZIT:

🦊🦊
2 von 5 Füxen.

Zwei Füxe von fünf klingt jetzt erstmal hart. Ihr wisst ja, dass ich jedem Buch das bestmögliche abgewinnen will und bis zum Schluss zwischen den Zeilen lese, diesdasananas. Bei diesem Buch blieb zurück: punktuelle Begeisterung über die Erzählweise, ein Fast-Echtzeit-Leseerlebnis und ein schneller Ritt durch die vor Hitze glühenden Straßen Neapels – aber auch Verwirrung und vor allem große Antipathie  gegenüber Delia. Leider ist es damit kein Buch für mich, das ich jedem blind empfehlen würde. Wer sich mal ein bisschen tiefgründig in seinem eigenen Gehirn austoben will und Bock auf ein konfuses Ende hat – this is your book.

Elena Ferrante – Lästige Liebe
Suhrkamp Verlag,
Hardcover Leinen, 352 Seiten

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