Rezension: Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht

Elise Perez ist halb Puerto-Ricanerin, völlig mittellos und verzweifelt und vor allem kurz davor, ihren Freund Jamey zu erschießen.

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So startet der Roman „Uns gehört die Nacht“. Ziemlich guter Anfang, wenn ihr mich fragt. Denn alles, was danach kommt, fällt in die Kategorie des klassischen Rückblickes, bei dem sich der eifrige Leser konsequent fragt: „WANN IST ES ENDLICH SO WEIT?!“ Monat für Monat bewegen wir uns vorwärts. Vom ersten Aufeinandertreffen der beiden – er Yale-Student und millionenschwerer Sohn, sie das Gegenteil aus dem Ghetto – über den Beginn einer obsessiven Affäre – sie stalkt ihn, er ist süchtig nach dem Sex mit ihr – bis zum Grande Finale, das wiederum der Anfang ist.

„Falls der Eindruck entsteht, das Zimmer sei klein, das ist es nicht. Es ist aufgebläht, riesig – es pocht wie eine Milliarde Herzen, so wie ein Raum pulsiert, wenn sich die Menschen darin ihrer Macht bewusst werden.“

Das Ganze spielt Ende der 80er. Wobei das relativ irrelevant ist, denn die Probleme, Zustände, Vorurteile und Hürden, denen sich die beiden in ihrer jungen Beziehung stellen müssen, sind auch heute immer noch Thema. Er ist reich, unsagbar schön und ein wenig unnahbar. Sie eckt an, nimmt kein Blatt vor den Mund, schlägt sich mit Nebenjobs durch und vermisst heimlich ihre Mutter, die sie zuhause sich selbst, ihrem gewalttägigen Freund und den Kindern überlassen hat.

Für mich hat das Buch drei Teile, die es unterschiedlich in sich haben. Am besten gefallen hat mir der letzte, über den ich ja nun leider nicht allzu viel sagen kann. Außer: Der war nicht ganz so berechenbar und abgedroschen wie die beiden davor. Oder anders: Ich hatte nicht mehr das Gefühl, im Klischée-Gefängnis festzustecken, in dem man mir statt literarischer Leckerbissen viel zu oft nur schwer im Magen liegende Klopse aus Sexualität, Derbheit und zusammengeschwurbelter Metaphern vor den Latz knallte.

„Er taucht unter die Decke, zu ihrem kleinen Herz, fühlt, wie es hart wird, sein Kinn nass von ihrem feuchten rötlichen Haar, das Gefühl ist nicht von dieser Welt. Ihre Hände wandern ohne Bewusstsein über seinen Schädel, es könnten fremde Hände sein, und sie drückt sich gegen seine Zunge, ihre ganze Liebe, alles Lebendige in ihr zu einer Perle verdichtet – die er leckt und leckt, sie stöhnt, er wird langsamer, weiter, sagt sie streng, mach weiter, er leckt – er leckt –
Sonnensturm Rabenblut Schneegestöber Rosenblätter Kätzchenflaum Sternschnuppen!“

Ok.

„Elise sitzt mit sanftem Gesicht da, wie eine Glocke, die darauf wartet, geläutet zu werden.“

Eine Glocke. Hat. Keine. Gefühle. Eine Glocke wartet nicht darauf, dass sie irgendjemand läutet. Wie zur Hölle guckt man wie eine Glocke? Aber na gut, es geht auch anders. Doch dieses anders war mir leider meistens zu viel.

„Sie betrachtet die roten Samtschachteln im Schaufenster des Juweliers und die weiße Katze mit den wässrigen Augen, die, high vom Sonnenschein, Ketten und Kreuze und Medaillons bewacht.
Ölflecken mustern den grauen Asphalt wie Gepardenfell.
Sie geht in den Käseladen auf der Third Avenue. Es fühlt sich an, als würde sie eine nach Sex riechende Kirche betreten. Oder ein appetitliches Leichenschauhaus. […] Sie sind schön und übelriechend; Menschen mit einer heiligen, trunkenen cremigen, schimmligen Vorstellung von Liebe.“

Wenn es so wirklich im Kopf von Elise zugeht, na dann Gut Nacht. Reize im Überfluss und Szenen, die nur so triefen vor Exzess. Jeder Satz will inhaliert werden, will aufgetragen werden wie ein Peeling, das dich erst aufreibt und reizt, bevor es dich mit völliger Zartheit umgarnt. Meiner Meinung nach a little big bit too much.

Nebst des andauernden, stakkatoartigen Gefühlsausbruches passiert inhaltlich auch ganz schön viel. Eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle spielt die Familie von Jamey, deren manipulative Mittel keine Grenzen zu kennen scheinen. Und da wird’s interessant. Denn dem aufmerksamen Leser wird der Wandel der Figuren kaum entgehen können. Auch hier – leider – recht vorhersehbar. Jamey wird zum Familienrebell, während Elise sich immer mehr nach Sicherheit sehnt. Die Reise der beiden ist turbulent, voller Höhen und noch mehr Tiefen, in die du rücksichtslos einfach mitgerissen wirst und dir nur zu hoffen bleibt, dass sie irgendwie noch die Kurve kratzen.

FUX-FAZIT:

🦊🦊
2 von 5 Füxen.

„Uns gehört die Nacht“ war für mich eine Mischung aus Basic Instinct, Sommernachtstraum und Gossip Girl. Ein Buch, das klingen will wie The Kills – es aber meistens nur bis Taylor Swift schafft. I knew you were trouble when you walked in. Ich gebe zu, dass sich zwischen Elise und Jamey durchaus etwas entwickelt, das berührt. Oder berühren kann. Für mich waren die beiden Charaktere leider so sehr schon gesehen und deshalb so wenig greifbar, dass sie mein Herz leider nicht erreichten. Das letzte Drittel fand ich spannend, wenn auch ganz schön seltsam. Vielleicht genau deshalb.

Jardine Libaire – Uns gehört die Nacht
Diogenes Verlag,
Paperback, 464 Seiten

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