Rezension: Nana Ekvtimishvili – Das Birnenfeld

Was braucht es, um ein Zuhause zu sein? Diese Frage dürft ihr euch gerne vor, während und nach der Lektüre von Nana Ekvtimishvilis „Das Birnenfeld“ stellen. Und vielleicht auch für euch beantworten.

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Eine georgische „Debilenschule“ am Rande der Gesellschaft. Ein Ort voller überforderter LehrerInnen, SchülerInnen und Tage ohne Perspektive. Mittendrin: Lela.
Lela ist achtzehn und eigentlich alt genug, um das Waisenhaus zu verlassen. Doch sie bleibt, denn die Kinder brauchen sie. Und wahrscheinlich braucht Lela auch die Kinder, denn sie geben ihr Halt. Also lässt sie sich von der Direktorin zur Parkplatzwächterin machen, verdient ein klein wenig Geld und tut weiterhin ihr Bestes, um die Kinder zu beschützen. Vor dem Geschichtslehrer, der die Mädchen sexuell missbraucht, vor fiesen Dorfbewohnern, der Schule und der Welt. Bis eines Tages eine amerikanische Familie entscheidet, einen von ihnen mitzunehmen.

„Man glaubt, sie sind Schwachköpfe, aber schau mal, wie sie alles spüren“.

Ohne große Umschweife ist man mittendrin im Alltag all der Charaktere, die Nana Ekvtimishvili auf ganz besondere Weise zu zeichnen weiß. Schnörkellos, dafür umso feiner und sensibler für alles Zwischendrin. Sie überlässt es dem Leser, alles Nötige zu fühlen – oder auch nicht. Bei mir hat’s funktioniert. Jede Figur hat ihr Eigenes und bereichert die Geschichte so maßgeblich.

„Sie hatten Ghnazo, ihr einziges Kind, für eine gewisse Zeit in ein Irrenhaus gebracht, wo er angeblich behandelt wurde. Seit seiner Entlassung wandert er umher, im schwarzen Mantel, mit wirren, abstehenden Haaren, und redet vor sich hin. Er versucht, dem Wind etwas zu erklären, doch der Wind trägt seine Worte fort und lässt Ghnazo ohne Antwort.“

Allen voran Lela, die sich durch ihre eigenwillige und derbe Art – aber mit ganz großem Herzen – für jeden ihrer Schützlinge einsetzt. Egal ob gegen eine verlogene Mutter oder beim Fotoshootings für amerikanische Adoptiveltern. Man kann nicht anders, als Lela ins Herz zu schließen. Sie ist eine Heldin, die eigentlich lieber keine wär.

„Hör zu, was ich dir sage! Lüg das Kind nicht an, sonst komm ich in dein Griechenland und klatsch dich an die Wand und tapezier drüber!“

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.

„Das Birnenfeld“ ist wie ein wildes Stück Papier, das einem unerwartet ins Gesicht klatscht. Irgendwo herausgerissen, ohne Vergangenheit und Zukunft. Die Sprache ist klar und eindringlich, sie tut da weh, wo sie soll und verzaubert, wenn man nicht damit rechnet.

„Die Blätter rauschen, und wenn ein Ast unter den Füßen knackst, erstarren alle vor Schreck und halten in Erwartung des Unheils den Atem an, aber es ist nichts zu hören, außer dem Gezank und Gezirp der Grillen am Zaun.“

Es gibt nur vier Füchse von fünf, da ich zwischendurch einfach zu viele Fragen im Kopf hatte. Ich hatte anderes erwartet, wollte Antworten, Plottwists, mehr Spannung, eine Auflösung. Im Nachhinein verstehe ich, warum es genau so ist, wie es ist. Und es ist schon gut so. Empfehlenswert!

Nana Ekvtimishvili – Das Birnenfeld
Suhrkamp,
Klappenbroschur, 221 Seiten

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