Rezension: Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

Ich bin ein Riesenschisser. Ich hasse es, erschreckt zu werden, ich kann kein Blut sehen, zucke zusammen, wenn andere verletzt werden und Horrorfilme – ihr könnt’s euch denken. Als ich mit Gabriel Tallents „Mein Ein und Alles“ anfing, ahnte ich ja nicht, was da noch auf mich zukommen würde.

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Turtle ist 14, heißt eigentlich Julie und lebt mit ihrem alleinerziehenden Vater und ihrem Großvater in einem Haus im Wald. Sie geht zwar zur Schule, führt aber ein völlig abgeschiedenes Leben, ohne normalen Kontakt zu Gleichaltrigen. Andere Mädchen verachtet sie bis aufs Letzte und auch ihre wohlwollende junge Lehrerin kommt kaum an sie ran.

„Eher würde ich dich, denkt Turtle, vom Arschloch bis zu deinem kleinen Nuttenhals aufschlitzen, als deine Freundin zu werden.“

Doch Turtle hat Freunde – ihre Pflanzen. Sie kennt jedes Gewächs beim Namen, spürt die leise Lebendigkeit der Bäume, Sträucher und Blumen und atmet gierig alles von ihnen ein. Beinahe hypnotisch wirken die Beschreibungen des „Um-sie-herums“, wie eine Wellness-Auszeit für den Leser – nachdem der von einer Psychotortur zur nächsten gejagt wird.

„Ist das alles, was du vom Leben erwartest? Eine ungebildete kleine Ritze zu sein?“

Ihr Vater ist besessen von ihr. Er misshandelt sie – physisch und psychisch, missbraucht sie sexuell, manipuliert jede ihrer Zellen und macht sie damit zu seinem Eigenen. Er liebt sie wie verrückt und entlädt gleichzeitig allen Hass auf sich und die Welt in ihren Kopf. Apropos Hass – das ist es auch, was Turtle für sich selbst empfindet. Sie findet sich hässlich, unbrauchbar und leer. Eine Hülle, in der sie die Orientierung verloren hat.

„… sein Atem erstickt vor Leidenschaft, und sagt: ‚Gottverdammt‘, und ihre gespreizten Beine geben die Schwärze ihrer Eingeweide frei, und für ihn liegt dort ihre Wahrheit, das weiß sie.“

Alles scheint sich zu ändern, als sie bei einer ihrer Ausflüchte in die Natur auf zwei verirrte Jungs stößt. Sie folgt ihnen gekonnt unbemerkt, erkennt sie wieder aus der Schule und gibt sich dem Verlangen hin, ihnen nahe zu sein. Ihnen und ihren quirligen Dialogen, ihrer sympathischen Unbeholfenheit und ihrer Abhängigkeit von Turtle, die sie am Ende dank ihres Instinktes wieder heil aus dem Wald herausbringt. Und Turtle lässt zu, dass sich von nun an ihre Gedanken um Jacob kreisen – ein völlig neue, zärtere Gedankenwelt öffnet sich. Doch natürlich bleibt das vor ihrem Vater nicht unbemerkt …

„Seine Art, sie anzusehen, gibt ihr das Gefühl, das Allerwichtigste auf der Welt zu sein. Sie sitzt vornübergebeugt da und denkt: Ritze, Ritze, Ritze, dieser unschöne Spalt zwischen ihren Beinen, unfertig gelassen aus Achtlosigkeit oder mit Absicht. Dahinter zeigt sich ihre ganze Sonderbarkeit, dort liegt sie offen, wird deutlich, und begreift es jetzt: Die Ritze ist ungebildet – dieses Wort entblößt alles, was sie über sich selbst in ihrem Inneren verknotet und verschnürt hat;“

Die Beziehung zwischen Turtle und ihrem Vater ist geprägt von Gewalt und Routine. Das gehört zum inhaltlichen und sprachlichen Grundaufbau des Buches. Immer wiederkehrende Szenen, ewig – für Laien – gleiche Beschreibungen von Schusswaffen und deren Pflege wie Gebrauch plus die ständigen, ausufernden Detailaufnahmen der Natur. Das alles saugt dich ein in diesen Trott, der von Spannung lebt und dir hier und da völlig unerwartet das verbale Messer in die Brust rammen kann.

Kurz: Ich hatte Schiss. Ich misstraute jeder ruhigen Minute, ich hatte Angst, wenn der Vater auftrat, ich ekelte mich vor Turtle und ihren Gedanken und mir wurde schlecht, als – nee, keine Sorge. Da dürft ihr noch selbst durch.

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.

Dieses Buch ist eine gewaltige Wucht, die mir in regelmäßigen Wellen eine ordentliche Ladung Angst, Ekel und Schock in den Körper jagte. Es ist irre spannend, aber nicht unbedingt was für ganz schwache Nerven. Sprachlich absolut eindrucksvoll, wenn auch für mich teilweise sehr nervig. Mir wurde es ab und an zu viel mit den Beschreibungen der Natur und sprachlichen Ausschmückungen eines simplen Wolkenhimmels. Auch empfand ich die Selbstreflexionen von Turtle etwas unglaubwürdig und konstruiert. Als müsse dem Leser kurz erklärt werden, warum sie ihren Psychovater zwar hasst, aber auch liebt, aber eigentlich hasst. Über das Ende lässt sich ebenfalls streiten – also los, lest das Buch und wir diskutieren ein bisschen!

Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles
Penguin,
Hardcover, 480 Seiten

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3 Gedanken zu “Rezension: Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

  1. Alex Lessordinary schreibt:

    Hättest du dir denn ein anderes Ende vorstellen können? Die Handlung steuert ja von Anfang an auf eine unausweichliche Konfrontation hin. Ich habe auch überlegt ob es eine andere Auflösung hätte geben können – aber vielleicht nicht in einer von psychischer/physischer Gewalt und Waffen dominierten Realität. Manchmal hat man ja bei Büchern das Gefühl, dass der Autor den Schluss des Roman nicht hinbekommt und dann durch den Tod des Protagonisten oder des Antagonisten einen möglichst „einfachen“, nicht immer passenden Schluss wählt (Ja, ich meine dich Harry Crews). Dieses Gefühl hatte ich bei Gabriel Tallent nicht, aber ich stimme dir schon zu, dass man über das Ende streiten kann. Vielleicht ist es aber auch nur eine Irritation für Leser, die aus einem Land kommen in dem Schusswaffen und damit verbundene Gewalt nicht zum Lebensalltag gehören.

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    • taeglichbuch schreibt:

      Ich denke, das Ende war schon richtig so. Es hat sich aufgebaut und insgeheim habe ich es beim Lesen unzählige Male vorher schon gehofft – tu es! So in die Richtung. Was mich viel mehr irritierte, war da Endende. Es ließ so viel offen, was ich gerne erfahren hätte. Und es war auf einmal so seicht – so ein klarer Kontrast zu vorher. Aber wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt, lässt sich da auch noch schön was reininterpretieren.

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