Rezension: Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Maya Angelou – geboren 1928 in St. Louise, Tänzerin, die erste schwarze Straßenbahnschaffnerin San Franciscos, alleinerziehende Mutter, Schauspielerin, Journalistin, Bürgerrechtlerin, engste Vertraute von Martin Luther King und Malcolm X. Im Buch stehen vorne noch ein paar weitere Punkte und ich bin mir sicher, diese Frau war facettenreicher und beeindruckender als jedes Kaleidoskop.

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„Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ ist ein Buch, über das ich reden muss. Deshalb möchte ich, dass ihr es alle lest. Und ich verspreche euch, es wird euch innerlich bewegen, kitzeln, erschüttern und in Teilen vielleicht verändern – oder weiter bringen.

„Weil ich in Wirklichkeit weiß war und eine böse Märchenstiefmutter, die verständlicherweise eifersüchtig auf meine Schönheit war, mich in ein zu großes schwarzes Mädchen verwandelt hatte, mit schwarzem Wuschelkopf, breiten Füßen und solchen Abständen zwischen den Zähnen, dass ein Bleistift bequem dazwischengepasst hätte.“

Maya heißt eigentlich Marguerite und wächst mit ihrem Bruder Bailey neben einer Baumwollplantage in Stamps auf, nachdem sie ihre überforderten Eltern mit Namenszetteln am Handgelenk aus Kalifornien weggeschickt haben. Also werden sie von ihrer Großmutter und ihrem Onkel großgezogen. Sie erleben, was es heißt, schwarz zu sein, entwickeln ein Feindbild gegen weiße „Kreaturen“, und Marguerite muss miterleben, wie ihr von einer weißen Hausdame der Name gestohlen wird – sie nennt sie einfach Mary, weil es ihr so besser passt.

„Ich verschwand in der Küche. Diese schreckliche Alte sollte mich nie Mary nennen, nicht ums Verrecken hätte ich für sie gearbeitet. Sollte ihr Herz für mich Feuer fangen, ich würde darauf pinkeln.“

Wir begleiten Maya bei wichtigen Stationen und Reisen. Dabei sind wir in Stamps, aber auch in Kalifornien bei der Mutter, wo sich völlig neue Beziehungen entwickeln. Beim Vater, der sie mit nach Mexiko City nimmt, um sich einen Tag lang völlig aus dem Leben zu schießen – und Maya damit zu persönlichen Höchstleistungen zwingt. Wieder ein Meilenstein. (Und wirklich, wirklich witzig geschrieben!) Wir sind dabei, wie sie sich um einen Posten als erste schwarze Straßenbahnschaffnerin bewirbt, wie sie ihren Willen in Stärke und Durchhaltevermögen verwandelt.

„Nach einem Monat hatte sich mein Denken so verändert, dass ich mich selbst kaum wiedererkannte. An die Stelle meiner unsicheren Familienverhältnisse war die Selbstverständlichkeit getreten, mit der meinesgleichen mich aufgenommen hatte. Bezeichnend, dass heimatlose Kinder, Treibsand der Schizophrenie des Krieges, mich in die Gemeinschaft der Menschen aufnehmen mussten.“

Maya war nie ein zartes Mädchen, das schwieg. Ihre Sprache ist geprägt von allem, was sie erlebt hat, was ihr zugefügt wurde und was sie lernen musste zu verarbeiten. Zu verarbeiten in etwas, das ihr Stärke für die Zukunft verleiht. Ich korrigiere mich – sie schwieg. Und das für etwa 5 Jahre, nachdem der Freund ihrer Mutter sie vergewaltigt hatte. Sie war 7 Jahre alt. Und die Zeit des Schweigens füllte sie mit Büchern und Geschichten, die ihre danach folgenden, eigenen Worte nur umso gewaltiger machen sollten.

„Ohne es zu wollen, war ich so wach geworden, dass Gleichgültigkeit mich störte.“

Was mich wirklich am meisten beeindruckte, war ihr so vorzüglich umschriebener Charakter. Wir reden hier von einer Ich-Perspektive und sprachlich beeindruckenden Mitteln, die es schaffen, im Geiste des Lesers eine Person zu formen, die so lebendig und unberechenbar daherkommt – großartig.

„Ich war entzückt von der Idee, ohne Ansehn der Person Gnade walten zu lassen, genauer gesagt jemandem gnädig zu sein, der mich überhaupt nicht interessierte. Ich war von Grund auf gut. Unverstanden, ungeliebt und dennoch: einfach gut.“

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FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

Beeindruckend geschrieben (und übersetzt!), erschütternd und liebevoll. Nicht ganz so wunderbar fand ich die Stellen mit religiösem Bezug, Situationen in der Kirche, Gotteslobungen. Dennoch waren auch die bemerkenswert erzählt, deshalb fallen sie nicht weiter negativ ins Gewicht.
Ein wertvolles Werk, das jeder immer wieder zur Hand nehmen sollte. Es liest sich wie eine rasante Abenteuergeschichte, schmerzliche Biografie und erhellende Hymne zugleich. Lesens- und verschenkenswert!

Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt
Suhrkamp Verlag,
Taschenbuch, 321 Seiten
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2 Kommentare zu „Rezension: Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

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