Rezension: Christian Dittloff – Das weiße Schloss

Heiraten und Kinder kriegen. In dieser Reihenfolge. Jahrelang war es für mich das Natürlichste der Welt, irgendwann eigene Kinder zu gebären. Und dann wirst du älter, lebst mit anderen Menschen zusammen und hörst dir andere Blickwinkel an. Und du liest Bücher wie „Das Weiße Schloss“. Ein Buch mit einer Geschichte, die dich auf leisen Sohlen mit kontroversen Gedanken konfrontiert.

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Ada und Yves (Adam und Eva? Well played, Herr Dittloff.) sind jung, schön und leidenschaftlich. Sie leben ihr Leben so, wie es ihnen passt. Es ist elektrisch, bebend und aufgeladen. Aufgeladen mit „Wir könnten“ – Optionen und Verlockungen, Kleinigkeiten und großen Abenteuern. Und in dieser krassen Selbstverwirklichung ist für eines kein Platz: Eltern sein. Aber Kinder sollen bittschön trotzdem her.

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Das Paar entscheidet sich also, ein Kind in die Welt zu setzen. Bzw. setzen zu lassen – mit ihren Genen, ausgetragen und großgezogen von anderen. Unter besten Voraussetzungen für Leihmutter und Kind, mit ausgewählten Erziehungsmethoden, Hobbys und präzise geplanten Charakterzügen. Ein Kind aus dem Bilderbuchkatalog. Sie entscheiden sich für das Weiße Schloss.

„Die Gesichter etwa der Hälfte der Potenziellen hatten einen Zug, eine Spur, etwas, das sie nicht benennen konnte, wovon sie aber nicht wünschte, es im Gesicht ihres Kindes wiederzufinden.“

Anfangs fiel es mir schwer, mich den beiden anzunähern. Zu andersartig ihre Denkweisen, zu weit weg von dem, was ich für richtig hielt. Kurz: Ich war richtig genervt und gelangweilt. Immer dieses „Ohhh, wir leben unser Leben selbstbestimmt“ Getue. Aus welchem Grund? Neid? Dann hier und da wieder vereinzelte Sätze, die mich Stück für Stück ein wenig näher zogen.

„Wer alle liebt, liebt nicht. Romantik ist exklusiv, sonst ist sie nicht.“

Ich fing an, Ada und Yves zu verstehen. Und sobald das passierte, brach sie minimal auf, ihre Fassade. Getrennt von einander bekamen die Perspektiven plötzlich andere Facetten, die die Charaktere greifbarer machten. Und ich begann, mich beim stillen Nicken zu erwischen. Immer dann, wenn ich einen weiteren gedanklichen Haken machen konnte, an dem sich meine bisherigen Überzeugungen aufhängen konnten.

„Wenn der Tag vorbei und sie völlig erschöpft wäre, wenn sie endlich aus ihrem Kopf die Gedanken an Haus- und Familienarbeit verbannt hätte, … wenn ihr Partner zurückkäme, nach Bier, Zigaretten und Freiheit röche und sie sich schrittweise körperlich füreinander interessieren und ihre Bewegungen einander anglichen, wenn ihr Körper, vielleicht zum ersten mal seit einigen Wochen oder auch Monaten, etwas spürte, weil er nicht irgendwo anders war, abgekoppelt, in einer Parallelwelt der Pflichten, … wenn der Raum zwischen ihnen endlich verschwände und sie aufeinanderlegen wie zwei lebendige Blätter Papier. […] Wenn sie ihre Aufmerksamkeit gerade wieder auf die Details richtete und sich in ihr etwas öffnete, dann, das wusste Ada mit Bestimmtheit, hätte sich plötzlich eine Tür geöffnet und ein Kind wäre in ihre Mitte gesprungen, all ihre Aufmerksamkeit füreinander an sich reißend, und dann wäre sie nur noch Mutter gewesen, die Mutter eines schwarzen Lochs, das ganze Galaxien verschlänge und es noch nicht mal bemerken würde.“

Was für ein meisterhafter Satz-Aufbau, der völlig ungeahnt in einer ernüchternden Pointe endet und das visuell so starke Bild mit einem Mal kippt und kaputt macht. Und das beherrscht Christian Dittloff wirklich, wirklich gut. Eine ehrliche, überraschende Sprache, die dich gedanklich auszieht und nur mit dem zurücklässt, was du vorher nicht gesehen hast. Kreativ und unberechenbar, I liked it. So wird eine Szene auf dem Damenklo fast schon zum kurzweiligen Theaterstück, bei dem ich mir das Lachen wirklich nicht verkneifen konnte. (Das spoiler ich jetzt aber nur minimal, den Rest müsst ihr selbst lesen.)

„Die scheißende Frau, dachte Ada, war ein Tabu.“

Frauen und Tabus, das ist generell so ein Thema, das sich im roten Faden durchzieht und den Blick des Lesers auf Offensichtlichkeiten lenkt, die plötzlich eine andere Farbe bekommen. Die Erwartungen im Job, die Vorurteile gegenüber empfindsamen Müttern, gesellschaftliches „Entgegenkommen“ in Form von Parkplätzen für Mutter mit Kind. Da kann Frau schon mal ins Grübeln geraten, gebe ich zu.

„Ich wollte nicht in den Mikrokosmen anderer Eltern verschwinden. Zusehen, wie mein Leben sich immer weiter an das Leben meines Kindes schmiegt, angezogen von seiner Wärme. Mein Kind wäre geboren, um mich vorübergehend auszulöschen“

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊
4 von 5 Füxen.

Konfus, aufgeblasen, Reaktionen hervorrufend. Jedes dieser Attribute kann sowohl negativ, als in diesem Fall positiv betrachtet werden. So sehr ich den sprachlichen Stil schätze, so unpassend erschien er mir an einigen Stellen. Wie ein Herausreißen aus dem Geschehen, wie ein präzise zurechtgelegter Epilog nach einzelnen Akten. Was in jedem Fall – wenn auch mit einigen Seiten Verzögerung – entsteht, ist ein Gefühl für die Intimität zwischen Ada und Yves, für das, was sie als Paar und als Individuum antreibt. Dieses blühende Leben voller Passion, das auf die Sterilität im Befruchtungsraum trifft. Ein interessanter Story-Aufbau, zwar kein klassischer, „spannender“ Plot, aber doch mit Plottwist. Oder immerhin erzählerischen Bausteinen, die das anfangs so sicher geglaubte Konstrukt erschüttern lassen. Der feinfühlige Leser fliegt durch die Zeilen und spürt, was in Ada und Yves vorgeht. Christian Dittloff erlaubt sich die Freiheit, das Entscheidende nicht bis ins Detail vorzugeben – sehr gelungen, sehr besonders. Leseempfehlung!

Christian Dittloff – Das Weiße Schloss
Berlin Verlag,
Hardcover, 304 Seiten
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