Rezension: Annika Scheffel – Hier ist es schön

Wir blicken kurz ein paar Jährchen in die Zukunft. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Es ist konsequent düster, die Sonne scheint nicht mehr am Himmel zu schweben und Nahrung ist dementsprechend Mangelware. Doch es gibt eine Hoffnung. Die Menschheit soll zwei Auserwählte bestimmen, die nur eine Mission haben: Rettung. Und zwar auf einem anderen Planeten.

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Ich möchte es eigentlich nicht schreiben, aber ich sag es trotzdem. Am Anfang erinnerte mich die Geschichte so stark an „Hunger Games“, dass Irma und Sam in meinem Kopf einfach aussahen wie Katniss und Peeta. Ich entschuldige mich vielmals dafür, denn ich habe begriffen, dass es bei „Hier ist es schön“ auch um etwas anderes geht.
Ja, es spielt in einer Arena. Ja, es geht um Auserwählte, um Vorbereitungen, um Training, um seltsame, maskierte Wesen und um Abgeschiedenheit von der Außenwelt.

„Aber brauchen sie wirklich Liebe auf ihrem Planeten? Es geht um die Rettung der Menschheit, da sollte Liebe eigentlich nicht die wichtigste Rolle spielen.“

Der Leser startet mit Briefen, die offensichtlich an Irma adressiert sind. Irma, die als Teenager beschließt, ihre Familie zu verlassen. Von heute auf morgen ist sie weg, in der Arena. Mit anderen Kandidaten, auf denen die Hoffnung aller lastet. Die Briefe werden geschrieben von ihrer Mutter, dem Vater, der besten Freundin, dem ersten Freund. Von Fans, Kritikern und Menschenrechtlern.

„Mein Schatz,
ich bin so froh, dass du lebst.“

Von allen Worten in diesem Buch haben mich die Briefe am meisten berührt. An den Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen der Familie kommt keiner vorbei, der nicht ansatzweise ein Herz hat. Dabei wird nicht kitschig rumgeschnulzt, sondern zwischen den Zeilen ganz natürliche, menschliche Sehnsucht verschickt. Die Briefe verändern sich, Irma ist zehn Jahre weg. Und diese Veränderungen drücken noch mehr aus, was wirklich innen und außen passiert.

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Etwas weniger beeindruckend war leider der „Hauptteil“ der Geschichte. Aber eins nach dem anderen. Es liest sich einfach und schnell, geschrieben ist es beinah filmisch und die Szenerien werden vor dem inneren Auge wie automatisch lebendig. Könnte daran liegen, dass Annika Scheffel auch Drehbuchautorin ist. (Well played.)

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊
3 von 5 Füxen.

Für mich war die Handlung unfassbar verwirrend. Es gibt Sprünge. Unlogische Ketten. Und am Ende zahlreiche Lücken, die der Leser ganz alleine stopfen darf (ich sag nur: Flamingo).
Aber dazwischen ist auch Platz für ganz viel Rumgedenke, nämlich über das Große Ganze.

Wer ist Sam, warum hat er keinen Namen?
Warum ist ein Name eigentlich so wichtig für die Identität?
Was bedeutet Heimat, Sehnsucht und Familie?
Was ist mir das Leben wert?
Warum wollen wir immer das, was wir noch nicht haben?
Wann erkennen wir Genügsamkeit als Luxus an?

„Hier ist es schön“ lenkt den Blick auf das Wesentliche. Auf das, was jeden Tag vor unseren Augen ist. Und darauf, es zu bewahren. Im Fokus steht Größenwahn und Überwachung im Reality Show-Format, damit die echte Realität endlich mal wieder sichtbar wird. Thematisiert wird Heldentum und Hoffnung, obwohl jeder selbst sein Schicksal in der Hand halten könnte.

„Im Sonnenschein ist wieder alles möglich.“

Aus einem gewissen Abstand betrachtet ist „Hier ist schön“ also eine wirklich wertvolle Geschichte über Heimat, Freundschaft und Zugehörigkeit. Deshalb verzeihe ich die – für mich – etwas wirre und leider leicht gesehene Grundhandlung sehr gerne.
Und außerdem: guckt euch bitte dieses Cover an. Ist es nicht wunder, wunderschön? Eben.

Lieber Suhrkamp Verlag, ein ganz großes Danke für dieses Buch. Ich werd noch lange drüber nachdenken.


Annika Scheffel – Hier ist es schön
Suhrkamp,
gebunden mit Schutzumschlag,
389 Seiten
Hier geht’s zum Buch

 

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