Rezension: Erling Kagge – Stille

Lärm und mich verbindet eine Hassliebe. Gar nicht gehen Autos, hochfrequentierte Schulklassen im U-Bahn-Abteil, Baustellenbaggerkacke oder unvorhersehbare Lärmquellen wie Hupen, Tröten oder Knaller.

Aber ich liebe frenetischen Applaus bei Konzerten und inbrünstiges Mitgesinge der Menge. Deswegen, weil dann auch ein bisschen die Zeit still steht. Weil der Moment nur denen gehört, die dabei sind. Eine stille Übereinkunft darüber, dass wir das niemals vergessen werden.

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Jaja, so kitschig ist das. Ich bin gerne laut und ausschweifend, zu Musik tanzend und jubelnd. Aber eigentlich bin ich ein Mädchen der Stille, schon immer gewesen. Nach langen Tagen voller Gedanken, Reizen und Stimmen surren mir die Ohren. Da möcht ich am liebsten die Welt auf stumm schalten, bis mein Kopf wieder für Neues bereit ist. Geht halt leider nich so einfach. Und außerdem halten manche Menschen dich irgendwann für irre. Oder empfindlich. Mit „Kannst du bitte leiser reden?“ ernte ich gelegentlich verständnislose Blicke, I am sorry. Ich meins nicht so. Nur gut mit mir.

„Die Stille war wie ein Geräusch zu hören, das in meinem Kopf brummte. Ich kann mich nicht daran erinnern, in den Nächten, in denen ich allein im Bett lag und mich hin und her wälzte, auch nur einen einzigen angenehmen Gedanken gehabt zu haben.“

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Der Abenteurer Erling Kagge hat mit „Stille“ ein Buch geschrieben, das sich an alle richtet, die die Stille lieben, vermissen und immer häufiger suchen. Und zwar überall, im Großen und Kleinen Ganzen, das sich Leben nennt. Dabei geht es nicht immer darum, alleine auf einem einsamen Berg zu sitzen, sondern in ganz eigenen, persönlichen Momenten die Stille zu finden.

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„Die Welt auszusperren, heißt nicht, seiner Umgebung den Rücken zuzukehren, sondern im Gegenteil: Es heißt, die Welt ein wenig deutlicher zu sehen, eine Richtung beizubehalten und zu versuchen, das Leben zu lieben.“

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FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

„Stille“ schafft es vom ersten Moment an, Ruhe einkehren zu lassen. Der weiße, schlichte Schutzumschlag legt sich wie eine Umarmung um das hektische Leben auf dem Hardcover. Sssh, Stille. Und wenn nur für wenige, kurze Momente.

Gelesen habe ich dieses schöne Werk behutsam, jedes Umblättern, jedes Seite glattstreichen gehört hier zum Leseerlebnis dazu. Bringt Achtsamkeit rein, in die sonst so vollbepackte Gedankenwelt.

Der Autor schreibt, als würde er flüstern. Und doch sind seine Geschichten und Satzbilder so klar und deutlich, dass sie keineswegs ungehört bleiben können. Und sollten. Eine unbedingte Empfehlung für alle Kinder der Stille. Und vielleicht für die, die sie suchen, ohne es zu wissen.

Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für dieses ganz wunderbare Leseerlebnis.


Erling Kagge – Stille. Ein Wegweiser.
Suhrkamp Insel,
gebunden mit Schutzumschlag,
144 Seiten
Hier geht’s zum Buch

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