Rezension: Daniel Galera – So enden wir

Ein Buch, das sich liest, wie sich besoffen rauchen anfühlt.
Erst ganz geil, dann eher ein schwerer Geschmack im Mund, der sich über Tage nicht mehr loswerden lässt.

„Dieser plötzliche Drang, die Zerstörung der Welt voranzutreiben, hatte mit dem Gestank von Menschenscheiße auf Gehwegen zu tun, mit den Dämpfen, die von den Müllcontainern aufstiegen, dem Streik der Busfahrer und der allgemeinen Verzweiflung über die Hitzewelle, die Porto Allegre gegen Ende jenes Januars überrolltem aber wenn es ein Vorher und Nachher gab, einen Bruch zwischen dem Leben, das ich bisher geführt hatte, und dem, das mich anscheinend erwartete, dann war es die Nachricht, dass Andrei am Abend zuvor bei einem bewaffneten Raubüberfall ums Leben gekommen war, in der Nähe des Universitätskrankenhauses, nur wenige Straßen von meinem jetzigen Standort entfernt.“

Ja, das war ein Satz. Der erste von vielen auf knapp 232 Seiten in Daniel Galeras „So enden wir“. Einer hitzigen Fahrt durch Brasiliens pulsierender Stadt Porto Allegre. Die Passagiere: Aurora, Antero und Emiliano, die sich am Grab ihres gemeinsamen Freundes „Duke“ nach langer Zeit mal wiedersehen. Und mit Dukes Tod wird die Verbundenheit der Drei mit der gemeinsamen Vergangenheit wieder neu zum Leben erweckt.

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Galera erzählt sagenhaft. Rasant, hektisch, Wörter wie ausgespuckt, voller Wut klatschen sie auf den Asphalt. Beim Lesen spürt man förmlich den Schweiß der Protagonisten, der an ihnen klebt wie schlechte Erinnerungen und Gedanken, denen sie sich nicht entziehen können. Die Erzählperspektive wechselt zwischen den dreien und der Leser wird stürmisch mitgerissen, volle Kanne rein in die Eskapaden und Ausflüchte jedes Einzelnen.

„Das heile Glas hatte auf einmal fast etwas Abartiges, Unangenehmes, als wäre es sich dessen bewusst, ein Glas zu sein, wozu es definitiv kein Recht hatte. Ich drückte zu, ich wollte es zerbrechen, gleichzeitig aber auch nicht, so wie man manchmal den grausamen Drang verspürt, einen kleinen Hund zu zerquetschen.“

Es ist unheimlich und unheimlich intelligent, welche inneren Abgründe und feinen Beobachtungen Galera seinen Charakteren in den Mund legt. Mit jedem der drei konnte ich mich identifizieren. Zwar nicht immer und vollständig, aber in kleinen Momenten doch intensiv. Und doch bleiben sie unnahbar, nur einmal kurz entblößen sie sich vor den Augen des Lesers. Danach bleibt die Frage: Und jetzt?

Erst fand ich das richtig kacke. Nach ein paar Tagen Abstand zur Lektüre richtig gut. Man ist beinahe wütend auf Galera, dass er uns diese drei Knalltüten vor die Füße klatscht, halbgar in ihren Erfolgen und Charaktern, unzufrieden mit sich oder früheren Entscheidungen und komplett entschlossen, eigentlich doch nichts ändern zu wollen. Und doch, ein wenig Mitleid hat man schon. Sie äußern sich harsch, sexuell, „Was für ein Tag für meinen Penis“, stark. Und sind eigentlich extrem verletzlich.

Der Tod von „Duke“ ist gewissermaßen nur Nebenhandlung. Auch erwartet den Leser keine Schnitzeljagd, wie es auf dem Klappentext so schön heißt. Es wird weder ein großes Rätsel gelöst, noch irgendwelche Spuren verfolgt. Das mag enttäuschend sein, sollte es aber nicht. Was mich eher enttäuschte, war die abnehmende inhaltliche Intensität. Gefühlt ging es irgendwann nur noch um Sex. Das klingt banal und sicher war es das nicht, aber mir war es zu viel. Mir fehlten die Feinheiten, die Entwicklungen und vor allem – der erzählerische Wert, der mich am Anfang von den Socken riss.

FUX-FAZIT:

🦊🦊🦊
3 von 5 Füxen.

Wahrscheinlich müsste ich das Buch irgendwann noch einmal lesen. Denn dann weiß ich, was auf mich zukommt und kann mich ganz genüsslich nur auf die Erzählweise von Galera konzentrieren. Denn in die kann man sich bedenkenlos fallen lassen, denn sie trägt einen von ganz alleine ganz woanders hin.


Daniel Galera – So enden wir
Suhrkamp,
gebunden mit Schutzumschlag,
231 Seiten
Hier geht’s zum Buch

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