Rezension: Annette Mingels – Was alles war

Susa geht es gut. Sie weiß, dass sie adoptiert wurde und es stört sie kein bisschen. Sie liebt ihre Familie – die Eltern und die Schwester. Und Susa liebt irgendwie auch Henryk, der seit kurzem in ihrem Leben ist. Ihn und seine zwei kleinen Töchter.

„Ich liebe dich, sage ich, sag es gerade, als Henryk Peters Haufen mit einer der braunen Tüten aufhebt, die sich überall in unseren Taschen finden, und Henryk sagt mit melodramatischem Timbre: Die Hand voll Scheiße, das Herz voll Glück.“

Dann taucht Susas leibliche Mutter auf und wirbelt was auf. Ergänzt Susas Leben um einen weiteren Faktor, eine Unbekannte, eine neue Mutter mit einer anderen Vergangenheit. Mit neuen Brüdern für Susa und einem Liebesbrief von Susas leiblichem Vater – der nie was von seiner Tochter erfahren durfte.

„Ein Schweigen setzt ein, so laut, dass es in meinen Ohren summt.“

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Einen richtigen Handlungsstrang gibt es nicht, aber den braucht es auch nicht. Wir begleiten Susa in ihrem Jetzt, in ihren Gedanken an ihr Gestern und ein Morgen.

„Dass das alles von außen so nichtssagend und bedeutungsleer aussieht, muss ja nicht bedeuten, dass es sich von innen auch so dumpf und besinnungslos anfühlt.“

Wir sind dabei, wie sich ihre Familie verändert und wie sie die Rolle in der Neuen einnimmt. Wir sehen zu wie eine Familie wächst, an Mitgliedern und neuen Hürden. Wir sind auch dabei, als ein wichtiger Teil beginnt, Abschied zu nehmen und wir erfahren, wie verschieden Abschied schmecken kann.

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„Was alles war“ ist eine Reise, die den Leser unmittelbar in den eigenen Mittelpunkt führt: ins Herz. Mit voller Wucht schmettert uns Annette Mingels lauter leise Sätze entgegen, die – jeder für sich – ein kleines Beben erzeugen.

„Was am Ende bleibt, ist so wenig. Ich weiß schon nicht mehr, wie er beim Lachen aussah.“

Fux-Fazit:

🦊🦊🦊🦊🦊
5 von 5 Füxen.

Es gab Momente, da musste ich das Buch beiseite legen – und kurz nach Luft schnappen, wenn mir ein einziger Satz mit voller Absicht Tränen in die Augen trieb. Annette Mingels beweist die faszinierende Fähigkeit, feinste Gefühlsregungen einzufangen und sie in Worte zu fassen. Subtil, ohne Drama. Ehrlich und klar. Mit starken Bildern, die den Leser zustimmend nicken lassen. Weil es um etwas geht, das man kennt. Um die eigenen Ängste, Zweifel, Hoffnungen und Ernüchterungen. Die Kraft dieser Geschichte liegt nicht in der Handlung, sondern in allem, was unser Handeln begleitet und bedeutend macht. Ein Buch, das mir ans Herz gewachsen ist – von der ersten Seite bis zur Danksagung.

 „Gerade weil so wenig Zeit bleibt, will ich sie mir nehmen.“


Annette Mingels – Was alles war
KNAUS Verlag,
Hardcover, 288 Seiten.
Hier geht’s zum Buch.

 

3 Kommentare zu „Rezension: Annette Mingels – Was alles war

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